Leben wir in einer Simulation?

Überlegungen zu und Implikationen aus der Simulationshypothese, Gegenüberstellung mit beobachteten Eigenschaften der Realität sowie Verknüpfungen mit Konzepten aus Kosmologie, Quantenphysik, Game Design, Philosophie, Spiritualität und der Natur des Bewusstseins

Titelbild: Standbild aus »Morphy’s World – Mandelbulb 3D Fractal animation« von Arthur Stammet (auf YouTube).

Teil I: Wie würden wir eine Simulation erfahren?

Beobachtbare Effekte von Optimierungen

Angenommen, die von uns erfahrene Realität ist eine Simulation, und diese wird durch ein Rechenmodell in einem wie immer auch gearteten System (Computer) abgebildet; und weiter angenommen, dass zur Berechnung der Simulation endliche Ressourcen (Energieumsatz, Speicherkapazität) zur Verfügung stehen, dann bestünde seitens der Betreiber der Simulation ein Interesse, die Simulation möglichst effizient zu gestalten – das heisst, den Rechenaufwand durch geeignete Optimierungen so gering wie möglich zu halten.

Eine naheliegende Optimierung wäre die dynamische Anpassung der Simulationstreue (Detailreichtum oder auch Auflösung) an die Umstände ihrer Beobachtung. Stellen wir uns vor, dass wir (Menschen) die Spieler in einer solchen Simulation sind, durch die sie überhaupt bewusst erfahren werden kann, dann müsste die Simulation nur die Ausschnitte der Spielwelt (Realität) hinreichend genau darstellen, die momentan (lokaler Ort, lokale Zeit) von Spielern beobachtet wird. Je geringer die Aufmerksamkeit, die einem bestimmten Raumzeit-Ausschnitt durch einen Beobachter (Spieler) zuteil wird, desto ungenauer (unschärfer) kann die Simulation sein, ohne Widersprüche zu erzeugen, also konsistent zu bleiben.

Die Analogie zu virtuellen Realitäten in Computerspielen ist offensichtlich, zum Beispiel in MultiplayerOpen-World-Umgebungen. Game Engines für solche Spiele berechnen stets nur den lokalen Realitätsausschnitt, in dem sich ein Spieler gerade aufhält. Je ungenauer Teile des lokalen Realitätsausschnitts durch den Spieler erfahrbar sind (z.B. da sie zu weit entfernt sind), desto weniger präzise müssen sie abgebildet werden (Level of Detail).

Diese Vorstellung passt zu einer Interpretation der Quantentheorie, nach der die Eigenschaften der Realität auf kleinsten Skalen anscheinend von den Umständen der Beobachtung abhängig sind (Beobachtereffekt, Consciousness Causes Collapse). Die quantenphysikalische Unschärfe wäre demnach möglicherweise ein Artefakt einer geringeren als der maximal möglichen lokalen Simulationstreue.

Eine solche Simulation würde weiterhin bestreben, möglichst oft möglichst grosse Realitätsblöcke mit konstanten Eigenschaften abzubilden, anstatt die Realitätsberechnung bis zur maximalen Auflösung durchführen zu müssen. Dies entspricht der Erfahrung unserer makroskopischen Alltagsrealität, in der Objekte die meiste Zeit statisch und homogen erscheinen anstatt unbestimmt und fluktuierend (Rauschen). Je weiter wir uns von den kleinsten Skalen entfernen (also je größer die Zusammenstellung von Materie, die wir beobachten), desto schärfer (definierter) und stabiler erscheint uns die Realität. (Beispiel: um ein Stück Würfelzucker zu beschreiben, ist es für den Alltag ausreichend, die makroskopischen physikalisch-chemischen Eigenschaften zu bestimmen, anstatt den Würfelzucker auf der Skala seiner Elementarteilchen begreifen zu wollen.)

Anstelle Realitätsberechnungen wiederholt durchzuführen, würde ein effizient gestaltetes System bereits berechnete (Zwischen-)Zustände wiederverwenden (Caching). Dies passt zu der Beobachtung, dass sich in der Natur viele Muster und Formen zu wiederholen scheinen. (Rupert Sheldrake postuliert die Existenz eines morphischen Feldes, durch das die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines bestimmten Musters oder einer bestimmten Form in der Natur steigt, je öfter sich ein solches Muster bereits in der Vergangenheit gezeigt hat. Mit anderen Worten, wir sehen in der Natur häufiger Strukturen mit bekannten Mustern als völlig neue Strukturen. Aus der Sicht einer in Software abgebildeten simulierten Realität entspräche dies der Wiederverwendung eines zuvor berechneten und zwischengespeicherten (gecacheten) Musters.)

Quantisierte Raumzeit und Bits als Atome (im ursprünglichen Sinn)

Gehen wir weiter davon aus, dass alle Eigenschaften der simulierten Realität in einem Informationsspeicher abgebildet sind, dann liegt die Überlegung nahe, dass das finale Elementarteilchen dieser Realität eine Speicherzelle mit einem Informationsgehalt von 1 Bit ist (vgl. It from bit). Daraus ergäbe sich auch, dass die fundamentale (unterste) Struktur der Realität (Raum und Zeit) kein Kontinuum sein kann, sondern quantisiert sein muss, da Bits nicht weiter unterteilt werden können. (Eine weitere Konsequenz wäre, dass der Gesamtinhalt an Materie bzw. Energie im Universum äquivalent wäre zu der Speicherkapazität, die das simulierende System zur Abbildung der Simulation bereitstellt.)

Das Konzept einer quantisierten Raumzeit entspricht einer wesentlichen Konsequenz aus der Schleifenquantengravitation, der momentan am weitesten entwickelten Alternative zur Stringtheorie; beides Kandidaten für die Vereinheitlichung von Allgemeiner Relativität und Quantenphysik und für die Entwicklung eines Allem zugrundeliegenden physikalischen Prinzips (Theory of Everything [TOE] oder auch Weltformel). In der Schleifenquantengravitation gibt es für Raum und Zeit keine weiter unterteilbaren Einheiten als die Planck-Länge (~10−35 m) bzw. Planck-Zeit (~10−43 s), welche das Grundgerüst der Realität darstellen. Unterhalb dieser Begrenzungen verlieren Raum und Zeit ihre Bedeutung; die physikalische Realität existiert also quasi auf einem Raster mit der Auflösung einer Planck-Länge für die Raumdimensionen sowie einer Planck-Zeit für die Zeitdimension. (Eine einfacher vorstellbare Analogie wäre ein monochromes Bitmap-Display, in dem jedes Bildelement (Pixel) nur schwarz oder weiß sein kann; die dargestellte Bildrealität entsteht aus der Summe der entweder schwarzen oder weißen Pixel, deren Anzahl theoretisch beliebig groß sein kann, jedoch ist keine feinere Unterteilung oder Farbabstufung möglich.)

Das Leveldesign unserer Realität und die Weltformel

Es ist vorstellbar, dass die Betreiber einer Realitätssimulation diese mit vorgegebenen Inhalten befüllen würden, ähnlich wie Level-Designer die Inhalte (3D-Modelle, Texturen, Verhalten etc.) der Spielumgebung bereitstellen. Dies entspräche gewissermaßen einer Schöpfung im Sinne des Kreationismus, in der bestimmte oder alle Eigenschaften der Realität an einem bestimmten Punkt in der Zeit plötzlich manifest wurden. Da jede solche konstruierte Realität alle Eigenschaften haben könnte, die mit unserem (naturwissenschaftlichen) Weltmodell übereinstimmt (einschließlich – scheinbar paradoxerweise – der Interpretation beobachteter Phänomene, dass die Realität gerade nicht das Ergebnis einer Schöpfung sein könne), ist diese Möglichkeit nicht ausschließbar.

Eine andere – und elegantere, da einfachere – Annahme ist, dass das Leveldesign unserer Realität nicht vorgegeben wurde, sondern auf der Basis eines mathematischen Modells (Algorithmus) kontinuierlich errechnet wurde und wird – in Analogie zu Computerspielen mit parametrisch bzw. prozedural generierten Umgebungen wie Elite (1984) oder No Man’s Sky (2016). Ein solcher Algorithmus würde vergleichsweise einfach gewählt werden, um effizient berechnet werden zu können, müsste aber in der Lage sein, alle Phänomene der Realität hervorzubringen. Aussichtsreiche Kandidaten wären demnach Algorithmen, die eine besonders reichhaltige (detaillierte, komplexe) Realität auf der Basis möglichst simpler (effizient berechenbarer) mathematischer Konstrukte erlauben. Bekannte Beispiele, auf die dies zutrifft, sind zelluläre Automaten sowie Fraktale. In der Tat beobachten wir im Universum häufig selbstähnliche (fraktale) Strukturen auf allen Skalen, woraus man ein zugrundeliegendes universelles Formbildungsprinzip ableiten könnte.

Als Beispiele für fraktale Strukturen, die aus der iterativen Berechnung einer einzigen, sehr einfachen mathematischen Gleichung entstehen, seien die seit den frühen 1980er Jahren bekannte Mandelbrot-Menge genannt, sowie neuere, davon abgeleitete Varianten in drei Dimensionen, die je nach Wahl der bestimmenden Parameter beeindruckend komplexe räumliche Gebilde (siehe auch hier, hier und hier) erzeugen können. (Bemerkenswerterweise gibt es eine große Ähnlichkeit zwischen fraktalen dreidimensionalen Strukturen dieser Art und der typischen Erscheinung bestimmter geometrisch-abstrakter Visionen, die von Personen unter dem Einfluss serotonerger Halluzinogene wie LSD oder DMT erlebt werden. Mir ist bisher keine Deutung oder Erklärung dieser Übereinstimmungen bekannt.)

Die Entdeckung eines solchen (mathematischen) Konstrukts, aus dem sämtliche Eigenschaften unserer Realität ableitbar sind, wäre äquivalent zur Entdeckung einer Weltformel (TOE). Unser gegenwärtiges, unvollständiges und nicht widerspruchsfreies physikalisches Weltmodell ist sehr wahrscheinlich nur ein Grenzfall oder eine fehlerbehaftete Interpretation eines solchen, viel grundlegenderen Prinzips. Falls tatsächlich eine Weltformel gefunden wird, in der numerische Faktoren oder Koeffizienten (Naturkonstanten) auftauchen, dann wären diese Konstanten nicht auf ein noch grundlegenderes Prinzip zurückführbar und damit nicht erklärbar – so wie dies auch jetzt auf eine Vielzahl von Naturkonstanten zutrifft (wobei ihre große Zahl eher ein Hinweis auf die Unvollständigkeit oder Fehlerhaftigkeit unserer Theorien ist). Solche Naturkonstanten wären jedoch begreifbar, in dem man sie als die Parameter versteht, mit denen die Realitätssimulation gestartet wurde.

Es ist vorstellbar, dass die unermessliche Reichhaltigkeit und Komplexität unseres Universums auf ein sehr einfaches Prinzip zurückgeführt werden kann, in dem ein ausbalancierter Grundzustand (entsprechend minimaler Entropie) durch Einbringung einer infinitesimal kleinen Störung alle Aspekte der Realität ausgebildet hat. Diese Vorstellung ist im Einklang mit dem aktuell favorisierten Modell zur Entstehung des Universums (Big-Bang-Theorie), in deren Verlauf sich Materie-Antimaterie-Paare bildeten, die sich jedoch sofort gegenseitig auslöschen, so dass eigentlich keine Materie hätte entstehen können. Allerdings bildete sich durch einen bisher nicht genau bekannten Mechanismus ein winziger Überschuß an Materie – in der Größenordnung von circa eins zu 30 Millionen, oder 0,000003 Prozent. Dieser Mechanismus könnte eine solche von außen in die Simulation eingebrachte Störung sein.

Bugs und Glitches – Fehler in der Matrix

Eine Realitätssimulation ist möglicherweise nicht perfekt. Auch wenn sowohl die hypothetische Hardware als auch Software des Systems, in dem sie abläuft, nach höchsten technischen Standards entwickelt wurden, Algorithmen (oder sogar der gesamte Code) auf mathematische Korrektheit überprüft wurden und das System alle denkbaren Fehlerkorrektur- und Selbstreparaturmechanismen bereitstellt, so ist nicht auszuschließen, dass in der Simulation dennoch gelegentlich Fehler auftreten. Dies lässt sich aus der Erfahrung ableiten, dass wir trotz unserer enormen Fortschritte in diesem Bereich nahezu keine perfekten (d.h. absolut fehlerfreien) Computersysteme erschaffen können. Je komplexer ein System, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Fehlern. Selbst in von uns erschaffenen Umgebungen mit allerhöchsten Anforderungen an Korrektheit, Sicherheit und Verfügbarkeit – zum Beispiel bei Banken oder im Luftverkehr – treten gelegentlich Computerfehler auf.

Eine Zivilisation, die in der Lage ist, eine komplexe Realität zu simulieren, die von unserer Realitätserfahrung nicht unterscheidbar ist, hat möglicherweise Wege gefunden, Systeme zu entwickeln, in denen solche Fehler entweder praktisch nicht entstehen, oder automatisch korrigiert werden, bevor sie bemerkbar werden. Trotz alldem würde eine solche Simulation aufgrund ihrer hohen Komplexität (gemessen am Umfang des verwalteten Speichervolumens) vielleicht sehr selten fehlerhafte Ergebnisse produzieren, die wir erkennen können. Einzelne Bitfehler im Realitätsspeicher wären zum Beispiel eher nicht meßbar, sofern die Speicherzelle nicht dauerhaft defekt bliebe. Doch wie würde sich ein transienter Bug manifestieren, der uns nicht unentdeckt bleibt? Wir würden punktuelle Ereignisse beobachten, die im Widerspruch zu unseren physikalischen Theorien stehen – einzelne Ausrutscher, die wir nicht erklären können, die sich aber auch nicht wiederholen. Solche punktuellen Glitches wären womöglich die einzigen potenziellen Hinweise darauf, dass unsere Realität simuliert ist. Allerdings wären solche Ereignisse nur durch Zufall bemerkbar, und da sie mutmaßlich eher selten und nicht reproduzierbar aufträten, wäre in den meisten Fällen kaum zu belegen, dass es sich nicht um einen Meßfehler oder menschlichen Irrtum handelt.

Anders verhält es sich, wenn wir eine Unstimmigkeit entdecken, die wiederholt – also reproduzierbar – zu Beobachtungen führt, die nicht im Einklang mit unserem physikalischen Weltmodell stehen. In so einem Fall sehen wir uns üblicherweise veranlasst, das Weltmodell anzupassen, um die abweichenden Beobachtungen erklären zu können. Solche Abweichungen waren und sind ja gerade der Motor für naturwissenschaftliche Erkenntnis. So lange wir jedoch keine Weltformel gefunden haben, gibt es wohl keine Möglichkeit, zu erkennen, ob es sich bei einem tatsächlichen Bug um einen solchen handelt, oder ob die Beobachtungen Teil des regulären (also korrekten) Verhaltens der Realität sind.

Teil II: Die Rolle des Menschen und die Frage nach dem Zweck von Bewusstsein

Welche Rolle haben wir als bewusste Beobachter?

Da wir (Menschen) offensichtlich unabhängig voneinander dieselbe in sich konsistente Realität erleben, muss das Realitätsmodell unabhängig von unserer jeweiligen lokalen Erfahrung existieren. Aus Sicht der Betreiber der Simulation wäre kein bewusster Beobachter innerhalb der Simulation erforderlich, da der Zustand der Simulation zu jeder Zeit exakt bekannt wäre – schließlich müsste ein äußerer Simulationsbeobachter lediglich die gewünschte Information aus dem Speicher des Systems abrufen.

Der Umstand, dass Menschen in dieser Simulation existieren und die Fähigkeiten haben, diese bewusst zu beobachten – und uns zum Beispiel Gedanken darüber zu machen, ob wir Bewohner einer Simulation sind –, wirft die Frage auf, welche Rolle wir in diesem System spielen. (Es ist freilich nicht bekannt, ob wir die einzigen bewussten Beobachter sind, die in dieser postulierten Simulation existieren. Bisher haben wir keine Möglichkeit, das Vorhandensein einer bewussten Realitätserfahrung bei anderen Lebewesen auf unserem Planeten nachzuweisen; zumindest können wir eine solche Erfahrung nicht messen. Ebensowenig liegen uns bislang Belege für die Existenz bewusster Lebensformen außerhalb der Erde vor. Ob wir die einzigen bewussten Beobachter der Simulation innerhalb der Simulation sind, lässt sich gegenwärtig nicht beantworten.)

Einblick in die Simulation von innen

Eine mögliche Vorstellung ist, dass wir bewusste Agenten oder auch Avatare darstellen, die den Betreibern einen Blick in die Simulation aus einer bestimmten Perspektive ermöglichen. Interessanterweise existieren wir (sowie die uns umgebende Alltagswelt) auf einer Größenskala, die sich sehr grob in der Mitte zwischen den kleinsten (Planck-Länge, ~10−35 m) und grössten Strukturen (gesamtes Universum, mutmaßlich mindestens etwa ~1027 m, sofern es endlich ist) befindet. Das ermöglicht uns, in beide Richtungen zu blicken und eine vollständigere Erfahrung der Realität zu haben als ein hypothetischer Beobachter, der an einem der beiden Extreme existiert – wobei dieses Argument zwangsläufig anthropozentrisch ist und wir uns schwer vorstellen können, welche Erfahrung eine hypothetische, bewusste Entität haben möge, die die Ausdehnung von Elementarteilchen oder Galaxien hat.

In jedem Fall stellt sich die Frage, warum wir in der Lage sind, unser Universum bewusst zu beobachten. Warum existiert überhaupt Bewusstsein, und wie lässt es sich begreifen? Ist Bewusstsein eine emergente Eigenschaft unseres Nervensystems und materiell, also vollständig physikalisch erklärbar? Ist es immateriell und existiert unabhängig von oder auch außerhalb der physikalischen Realität?

Materie und Geist – eine Dualität?

Im ersteren Fall wäre Bewusstsein ebenso eine Eigenschaft oder ein Aspekt der Realität wie alles andere, was wir beobachten, und ließe sich auf das zugrundeliegende Prinzip (die Weltformel bzw. den prozeduralen Realitäts-Berechnungs-Algorithmus) zurückführen. In diesem Fall gäbe es keine Abgrenzung zwischen Geist und Materie. Im letzteren Fall wäre es ein Phänomen, das von etwas anderem bestimmt ist als dem Teil des Systems, der die materielle Realität der Simulation berechnet. Es wäre vorstellbar, dass die Simulation aus zwei mehr oder weniger unabhängigen Komponenten besteht: einem Realitätssimulator und einem Bewusstseinssimulator. In diesem Fall gäbe es eine direkte Entsprechung für die Geist-Materie-Dualität.

Die Frage, welche Vorstellung richtig ist, lässt sich gegenwärtig nicht beantworten. Die mechanistische Sichtweise ist, dass nur die physikalisch beschreibbare Realität tatsächlich real ist; alles Andere ist entweder durch sie erklärbar oder illusorisch. Problematisch an dieser Sichtweise ist, dass es bisher kein physikalisches Modell gibt, mit dem sich Bewusstseinsphänomene zufriedenstellend erklären lassen. Verschiedene Ansätze, wie makroskopische quantenmechanische Wechselwirkungen in Neuronen laut der Orchestrated Objective Reduction (Orch-OR)-Theorie von Penrose und Hameroff sowie Versuche, Bewusstsein als elektromagnetisches Feld zu beschreiben (McFadden, Pockett et al.), finden bisher keine allgemeine Akzeptanz. Bewusstseinsphänomene sind bislang nicht direkt messbar, sondern praktisch nur über subjektive Beschreibungen zugänglich, weshalb entsprechende Forschungsarbeiten typischerweise nicht die Anforderungen an wissenschaftliche Erkenntnis (Überprüfbarkeit, Wiederholbarkeit, etc.) erfüllen.

Das Vorhandensein zweier unabhängiger Simulationskomponenten wäre eine mögliche Erklärung dafür, dass sich Bewusstseinsphänomene so vehement einem naturwissenschaftlichen Zugang widersetzen (natürlich vorausgesetzt, dass Bewusstsein tatsächlich real ist und nicht nur eine Illusion). Das könnte bedeuten, dass Bewusstsein prinzipiell nicht mit wissenschaftlichen Methoden ergründbar ist, da es außerhalb der physikalischen Realität existiert. Da wir (Menschen) jedoch sowohl Teil der physikalischen Realität sind als auch bewusst sind, muss es eine Schnittstelle – ein Interface – zwischen diesen beiden Komponenten der Simulation geben. Augenscheinlich befindet sich die physikalische Seite dieses Interfaces in unserem Gehirn.

Bewusstsein als Verbindung nach außen

Welchen Grund gäbe aus Sicht der Simulationsbetreiber, zusätzlich zur (materiellen) Realitätssimulation eine Bewusstseinssimulation zu betreiben? Denkbar ist, dass es einen Mechanismus darstellt, durch den die Betreiber von Realitätssimulationen einen Kommunikationskanal herstellen können, der ihnen einen Zugriff auf die direkte Erfahrung der simulierten Realität durch Entitäten erlaubt, die selbst Teil dieser Simulation sind. Es ist vorstellbar, dass ein solcher Zugang zu einer direkten Erfahrung für die Simulationsbetreiber besonders interessant oder wertvoll ist. Daraus würde folgen, dass Simulationsbetreiber sich in besonderem Maß für solche Simulationen interessieren, die Entitäten (Wesen) mit den notwendigen Voraussetzungen für Bewusstsein hervorbringen – ein entsprechend entwickeltes Gehirn, sofern es tatsächlich die Bewusstseinsschnittstelle darstellt. Möglicherweise ist unsere Simulation gemäß dem anthropischen Prinzip auf die Entwicklung von bewusstseinsfähigen Beobachtern abgestimmt, oder die Betreiber starten eine große Zahl Simulationen mit mehr oder weniger zufälligen Startbedingungen, und beschäftigen sich dann ausschließlich oder besonders mit solchen, aus denen bewusstseinsfähige Beobachter hervorgehen.

Möglicherweise sind diese Simulationsreihen Teil eines Forschungsprojekts; vielleicht dienen sie aber auch lediglich der Unterhaltung ihrer Betreiber. Über den postulierten Bewusstseins-Kommunikationskanal könnten die Betreiber in beiden Fällen an unserer Realitätserfahrung teilhaben, das heisst, sie könnten uns quasi beim Leben zuschauen. Eine solche Übertragung wäre womöglich wesentlich aufschlußreicher oder auch unterhaltsamer als die Beobachtung des Simulationszustands von außen. Falls eine Kommunikation in die eine Richtung möglich ist, dann ist davon auszugehen, dass sie auch in die andere Richtung funktioniert; dass also die Simulationsbetreiber die Möglichkeit haben, Einfluss auf unseren Bewusstseinszustand und im Speziellen auf unsere Gedanken, Überzeugungen und Handlungen zu nehmen – zum Beispiel, um bestimmte Entwicklungen anzustoßen und damit den Verlauf der Simulation zu verändern, ohne dazu die simulierte Realität selbst manipulieren zu müssen. (Es ist jedoch auch vorstellbar, dass eine solche Einflussnahme seitens der Betreiber zwar möglich ist, aber entweder vermieden wird oder unzulässig ist – z.B. aufgrund von ethischen oder sogar gesetzlichen Vorgaben oder schlicht Spielregeln.)

Sind wir allein?

Bisher habe ich angenommen, dass die Simulationen ihrerseits von bewussten Wesenheiten betrieben werden; also in irgendeiner Form beobachtet werden. Stattdessen ist vorstellbar, dass Simulationen zwar durch irgendeinen Mechanismus angestoßen werden, jedoch anschließend sich selbst überlassen werden. (In diesem Fall käme jedoch wieder die Frage auf, wozu wir ein Bewusstsein haben. Wenn es keine äußeren Beobachter gibt, aber Bewusstsein real ist, dann ist die obige Hypothese offensichtlich falsch.)

Möglicherweise sind wir Teil einer endlosen Progression, die bewusste Wesenheiten innerhalb einer simulierten Realität hervorbringt, die ihrerseits früher oder später die Fähigkeit erlangen, Realitätssimulationen zu betreiben, aus denen potenziell Wesenheiten hervorgehen, die wiederum Realitätssimulationen betreiben, und so weiter. Dies ist eine der drei Möglichkeiten in Bostroms Trilemma zur Simulationshypothese: Falls es Zivilisationen gibt, die die Fähigkeit entwickeln, Realitätssimulationen zu betreiben, und dies auch tun, dann wäre eine solche Verschachtelung von Simulationen-in-Simulationen-in-Simulationen sehr wahrscheinlich – oder zumindest die Häufigkeit solcher Simulationen sehr groß –, und es wäre sehr unwahrscheinlich, dass wir ausgerechnet in einer nicht-simulierten Realität existieren sollten.

Gibt es eine Ur-Realität, oder nur Simulationen innerhalb von Simulationen?

Wir haben keine Möglichkeit, zu erkennen, ob unsere Wirklichkeit real oder simuliert ist (es sei denn, wir entdecken wiederholt Glitches und erkennen sie zweifelsfrei als solche; siehe oben). Vielmehr stellt sich sogar die Frage, ob überhaupt eine ursprüngliche, nicht-simulierte Realität existiert. Möglicherweise ist unser Universum Teil einer unendlichen Verschachtelung aus Simulationen. Daraus würde folgen, dass keine objektive, materielle Realität im eigentlichen Sinn existiert; allerdings gäbe es ohne eine Ur-Realität auch nichts, das die initiale Simulation (und damit alle inneren Simulationen) berechnet. Jede Simulationsebene müsste damit auf irgendeine Weise quasi aus sich selbst heraus entstehen. Eine Auflösung für ein solches Paradoxon, die allerdings eher nicht weniger Kopfzerbrechen bereitet, böte die Vorstellung, dass die Verschachtelung der Simulationen rekursiv ist, das also eine innere Simulation die Umgebung für eine äußere Simulation sein könnte. Mit anderen Worten, die Verschachtelung ist möglicherweise nicht linear (hat einen Anfang und ein Ende), sondern besteht aus einer Schleife.

Falls dies zutrifft, und wir wären Teil einer solchen Rekursion, dann müssten wir bereits eine Realitätssimulation betreiben. Weiter könnte man postulieren, dass die Schleife nur aus einer Ebene besteht – dass wir uns also selbst simulieren. Zumindest augenscheinlich ist das nicht der Fall. (Dieser Gedanke hat jedoch eine andere Implikation, auf die ich am Schluß des Textes komme.)

Wo stehen wir?

Wir befinden uns in einem Prä-Simulations-Stadium unserer Entwicklung. Es sind jedoch Anzeichen erkennbar, dass wir uns auf dem Weg dahin befinden. Wir erleben eine exponenziell ansteigende Fähigkeit, virtuelle Realitäten zu erschaffen. Betrachtet man die Entwicklung von simulierten Realitäten in Computern, dann begann diese zunächst sehr zaghaft mit der Konstruktion der ersten speicherprogrammierbaren Digitalrechner (Ende der 1940er Jahre) und erreichte gegen Ende der 70er Jahre ein Niveau, das zwar noch außerordentlich primitiv war, aber dank der Verfügbarkeit preiswerter Hardware und kulturell-ökonomischer Faktoren allgemein zugänglich wurde (Videospiele-Boom). Ab diesem Punkt beschleunigte sich die Entwicklung rasant, und diese Beschleunigung nimmt weiter zu. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten fand ein Sprung von abstrakten und sehr groben Darstellungen zu einer Qualität statt, die es erlaubt, nahezu fotorealistische, immersive Umgebungen in drei Dimensionen und in Echtzeit zu berechnen, wobei diese Berechnungen zunehmend präzise auf dieselben physikalischen Modelle zurückgreifen, die unsere tatsächliche Realität beschreiben.

Es findet also eine Art Konvergenz statt: auf der einen Seite erarbeiten Naturwissenschaftlicher mathematische Modelle, die unsere echte Realität zunehmend genau beschreiben; auf der anderen Seite werden diese Modelle zunehmend präzise in Software abgebildet, um virtuelle Realitäten zu errechnen, die zunehmend weniger von der echten Realität unterscheidbar werden. Diese Entwicklung findet beschleunigt statt, wobei es scheint, dass der Fortschritt in unserer Fähigkeit zur Realitätssimulation unseren Fortschritt in der Modellierung (also dem Verständnis) der echten Realität bereits überholt hat. Mit anderen Worten: unser Vermögen, virtuelle Realitäten zu erschaffen, in denen wir Gesetzmäßigkeiten aus der realen Welt abbilden, entwickelt sich schneller als unser Wissen über die Gesetzmäßigkeiten der realen Welt.

Sehr wahrscheinlich werden wir innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte in der Lage sein, ganze physikalische Theoriegebäude – und nicht nur meist stark vereinfachte Einzeltheorien (Beispiel:  Millennium-Simulation) – durch Abbildung in Software zu überprüfen, bevor wir sie empirisch mit der tatsächlichen Realität abgleichen. Dies wird mittelfristig dazu führen, dass die Grenze zwischen äußerer Realität und virtuellen Realitäten verschwimmt. Die Genauigkeit unseres physikalischen Weltmodells wird sich dann daran messen, inwieweit eine virtuelle Realität auf der Basis dieser Theoriegebäude von der äußeren Realität unterscheidbar ist. Es ist denkbar, dass wir uns einer Weltformel nicht so sehr durch Aufstellen mathematischer Konstrukte nähern, sondern durch schrittweise und möglicherweise heuristische und generative Verfeinerung von Realitätssimulationen.

Ist alles ganz anders – stehen wir auf der falschen Seite?

Oben stellte ich die Frage, was Bewusstsein ist, und ob Bewusstsein überhaupt real ist – und wenn ja, ob es materiell und damit physikalisch erklärbar, oder immateriell und damit für naturwissenschaftliche Methoden grundsätzlich unzugänglich ist. Etwas später kam die Frage auf, ob es überhaupt eine materielle Realität gibt, wenn wir uns innerhalb einer möglicherweise zyklischen Verschachtelung von Simulationen befinden.

Vielleicht betrachten wir diese Fragestellungen in typisch westlicher Denkmanier auch von der falschen Seite.

In den Upanishaden, die mutmaßlich bereits vor etwa 2200 bis 2800 Jahren verfasst wurden, findet sich das Konzept von Māyā, nachdem die äußerlich erfahrbare (materielle) Realität nicht das ist, als was sie uns erscheint, sondern vielmehr eine Art Schauspiel oder Magie, die uns verblendet. Māyā verschleiere nur die tatsächliche Wirklichkeit, die versteckten Prinzipien, die tatsächlich wahr sind. Vielleicht haben die Hindus vor sehr langer Zeit ja schon etwas gewusst, das wir uns heute erst wieder erarbeiten müssen?

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Author: schoschie

I like to see the wiring under the board™

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