Das schreckliche Binnen-I, oder: Gedanken zu inklusiver Sprache

Wie können wir inklusiv schreiben, ohne dabei die Sprache zu verunstalten? Ich wollte lange etwas zu diesem Thema schreiben, befand mich selbst aber noch in einem Lernprozess, der nach wie vor nicht abgeschlossen ist. Hier ist ein Zwischenfazit.

Zunächst müssen wir anerkennen, dass unsere Sprache in der Tat fehlerhaft ist. Es ist zum Beispiel nicht möglich, in der dritten Person zu schreiben, ohne dabei eine Geschlechtsidentität vorauszusetzen. Dies ist schlicht darin begründet, dass unsere Personalpronomen eine Entscheidung entweder für das männliche (»er«) oder das weibliche Geschlecht (»sie«) erzwingen. Die neutrale Option (»es«) bietet sich nicht an, weil diese gemeinhin für Sachen vorgesehen ist, und die Verwendung des Neutrums zwangsläufig abwertend ist. Niemand wird ernsthaft vorschlagen, statt »er« oder »sie« zukünftig »es« zu verwenden.

Wir leben in einer Zeit, in der auch dem letzten Hinterbänkler klar geworden sein muss, dass eine männliche Geschlechtsidentität nicht die sprachliche »Referenz« sein kann, denn dies impliziert, dass das Männliche der »Default« ist und die weibliche Form nur sekundär. Ein solches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ist weder sinnvoll noch ernsthaft zu begründen; es ist schlicht und ergreifend obsolet. Leider hat unsere Sprache diese Entwicklung nicht mit vollzogen, und es gibt weiterhin nur die Wahl zwischen »er« und »sie«. Von verschiedenen Seiten gibt es zwar Versuche, diesen Mangel durch Neologismen zu beseitigen, aber bisher hat sich kein Vorschlag durchgesetzt.

Warum ist es problematisch, eine Geschlechtsidentität vorauszusetzen? Weil wir damit automatisch bestimmte Zuweisungen von Eigenschaften verbinden. Es macht einen Unterschied, ob wir lesen »er hat gesagt« oder »sie hat gesagt«. Die Information wird gefärbt von unseren Annahmen darüber, wie ein »er« ist oder wie eine »sie« ist, ob wir es wollen oder nicht. Diese Zuweisungen sind auch bei aufgeklärten und progressiv denkenden Menschen noch vorhanden, sie sind nur sehr subtil. Der Haken ist, dass es in den allermeisten Fällen gar nicht von Belang ist, welche Geschlechtsidentität die Person hat, nur: unsere Sprache zwingt uns, eine solche Identität zuzuweisen.

Tatsächlich sind wir heute ja sehr viel weiter: die Vorstellung einer geschlechtlichen Identität insgesamt steht zur Debatte. Statt in den dualen Kategorien »männlich« oder »weiblich« zu denken, wird uns nach und nach bewusst, dass in der Realität tatsächlich eher ein Geschlechtskontinuum vorherrscht, es also viel wahrscheinlicher ist, sich mit einer Zwischenstufe zu identifizieren als mit einem der beiden »Pole«. Und auch die Vorstellung, dass nur diese beiden Pole existieren (Gender-Dualität), ist zwar biologisch begründbar, aber kulturell eher ein Konstrukt denn Wirklichkeit.

Wenn wir noch einen Schritt vorwärts gehen, zeigt sich, dass die geschlechtliche Identifikation insgesamt gar nicht notwendig ist, sondern wir in vielen Fällen offen lassen können (und sollten), ob eine Person nun ein Männlein oder Weiblein oder ein »Dazwischen« ist. Sofern ein Inhalt nicht explizit von geschlechtlicher Identität oder Geschlechterrollen handelt, gibt es überhaupt keinen Grund, eine solche durch die Verwendung entsprechender Sprache festzumachen.

Leider ist dies mit den etablierten Mitteln unserer Sprache bislang kaum zu vermeiden. Wir sehen viele Versuche, die sprachlichen »Bugs« zu umgehen, und diese sind in meinen Augen allesamt leider eher unglücklich. Schon seit den 80ern beobachte ich Formen wie »Schüler/Schülerin« oder Kontraktionen wie »SchülerIn« (Binnen-I). (Laut dem Wikipedia-Artikel zum Binnen-I ist diese Form tatsächlich erstmals 1981 dokumentiert.) Diese weisen zwar ausdrücklich darauf hin, dass hier keine Geschlechtsidentität angenommen wird, aber sie implizieren zum einen weiterhin, dass es nur zwei Optionen gibt (m oder f), und zum anderen sind sie sprachliche Krücken. Man bleibt an ihnen hängen. Sie stören den Lesefluss. Sie verlagern die Aufmerksamkeit vom eigentlich Gesagten zu der Tatsache, dass sich hier jemand um Geschlechtsneutralität bemüht. Ich halte das nicht für die richtige Lösung, habe aber auch noch keine Bessere.

Es ist einfach, sich über Personen und Institutionen lustig zu machen, die in diesem Bereich forschen, zum Beispiel Lann Hornscheidt, der/die (!) wünscht, mit »Sehr geehrtx Profx.« (aber alternativ einfach »Hallo« oder »Guten Tag«) angesprochen zu werden, was zunächst grotesk erscheint. Die geschlechtsneutralen Formen auf -x wirken fremd, und ich vermute, dass nicht Ziel ist, exakt diese Formen in der Alltagssprache zu verankern, sondern darauf hinzuweisen, wo unsere Sprache überall zwingend eine Geschlechtsidentität voraussetzt.

In der englischen Sprache ist dieses Problem bei weitem nicht so präsent. Dort sind deutlich mehr Wörter genderneutral, so zum Beispiel alle Berufsbezeichnungen (»teacher«, »student«). Auch im Englischen gibt es das Problem der identifizierenden Pronomen für die dritte Person, aber immerhin hat sich in der Alltagssprache schon lange das neutrale »they« als Alternative zu »he« und »she« etabliert, zum Beispiel in Formulierungen wie »Someone has replied to your comment. If you like, you can reply to them.«, das bei Übersetzungen oft einfach (aus mangelndem Verständnis?) 1:1 übertragen wird zu »Jemand hat auf deinen Kommentar geantwortet. Wenn du magst, kannst du ihnen antworten.« und dann sowohl grammatikalisch falsch ist als auch befremdlich wirkt.

Dann wiederum gibt es Fälle, in denen die geschlechtliche Zuschreibung eher das Resultat einer Interpretation zu sein scheint, als dass die Sprache dies tatsächlich von sich aus transportiert. Ein Beispiel ist das Wort »man«, welches in meinen Augen geschlechtsneutral ist, aber die Nähe zu »Mann« ist kaum von der Hand zu weisen, weswegen man (!) leicht unterstellen kann, es sei eine rein »männliche« Form, und dies dann mit etymologisch falschen Analogiebildungen wie »frau« zu kompensieren versucht.

Andere Zuschreibungen einer Geschlechtsidentität scheinen schlicht Übersetzungsfehler zu sein, zum Beispiel das englische »man«, das sehr oft automatisch mit »Mann« übersetzt wird, obwohl es in vielen Fällen tatsächlich für das neutrale »Mensch« steht (Beispiel: »Man has always tried to make sense of the world.«).

In meinen Texten achte ich nicht auf genderneutrale Sprache. Das ist weder Faulheit noch Ignoranz, sondern eine bewusste Entscheidung. Für mich ist selbstverständlich, dass ich jeden (!) mitmeine, auch wenn ich überwiegend »männliche« Formen verwende. Gemessen an der oberflächlichen Form schreibe ich scheinbar exklusiv, und das muss ich mir vorwerfen lassen. Ich halte jedoch die Alternativen für sprachlich derart verstümmelnd und störend, dass dies für mich das geringere Übel ist. Allerdings befinde ich mich auch in der privilegierten Situation, zufällig mit einer männlichen Geschlechtsidentität auf die Welt gekommen zu sein (bzw. diese weiterhin anzunehmen), so dass ich mich an der männlichen »Default«-Form auch nicht sonderlich störe. Das alles ist mir sehr wohl bewusst.

Manche versuchen die unschöneren Formen inklusiver Sprache zu umgehen, indem sie wahlweise weibliche und männliche Formen verwenden, zum Beispiel schreiben sie in einem Satz »Ein Programmierer kann dies folgendermaßen lösen« und etwas später »Eine Programmiererin hat hierzu folgende Optionen« (diesen »Trick« habe ich so in mehreren englischsprachigen Fachtexten beobachtet). Das ist zwar sehr geschickt, aber auch hierüber stolpert man, weil es den Lesefluss stört. Man wundert sich, warum diese dritte Person mal weiblich und mal männlich ist, begreift dann, dass es um inklusive Sprache geht, vergisst darüber aber schon wieder, was der Text tatsächlich inhaltlich vermitteln wollte. Es ist ein guter »Hack«, aber leider eben nur ein Hack. Stil und Verständnis leiden darunter.

Wie schon gesagt, bin ich privilegiert. Es ist bequem für mich, die inklusiven Formen als sprachlich störend zu bewerten. Ich weiß nicht, wie ich darüber denken würde, wenn ich mich zum Beispiel sehr stark weiblich, oder genderfluid, oder genderneutral identifizieren würde. Würde ich einfach annehmen, dass die Sprache zwar morphologisch (an der Oberfläche) eine männliche Identität unterstellt, aber tatsächlich alle mitmeint, oder würde ich mich genauso an der männlichen Default-Form stören, wie ich mich (als Mann) an »StudentInnen« störe? Meine Bevorzugung einer schönen Sprache gegenüber einer inklusiven Sprache kann man (!) mir durchaus als überheblich und ignorant vorwerfen; damit muss ich leben.

So weit, so schwierig. Wir werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zunächst ein weiter steigendes Bewusstsein über dieses sprachliche (und damit kulturelle) Problem beobachten, und irgendwann auch eine gute Lösung finden, die sich allgemein durchsetzen kann. Bis dahin ist es wichtig, dass wir uns diesen notwendigen Veränderungen zumindest nicht verschließen, und verstehen, worum es geht. Ich bin zuversichtlich.

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Author: schoschie

I like to see the wiring under the board™

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