Erfahrung: Hypnosetherapie

Ich bin seit einigen Monaten bei einer Hypnosetherapeutin in Behandlung. Das erzähle ich bei entsprechender Nachfrage oder auch gelegentlich freiwillig meinem sozialen Umfeld (und hier jetzt einem größeren Umfeld) – und oft kommt die Rückfrage, was das denn genau sei und wie man es sich vorstellen könnte. Ich komme soeben aus einer Hypnosesitzung und dachte, ich schreibe meine Eindrücke einfach mal auf – das ist sicher für den einen oder die andere interessant und hilfreich.

Dies ist eine Niederschrift meiner eigenen Erfahrung und meiner eigenen Interpretation. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, dass meine Interpretation richtig ist, oder dass sie als Grundlage für ähnliche Erfahrungen dienen sollte.

Zunächst denkt vermutlich jeder bei dem Wort »Hypnose« an so genannte Show-Hypnosen, wie man sie vielleicht aus dem Fernsehen oder anderen Veranstaltungen kennt. Dort werden Freiwillige gewissermaßen mental »umprogrammiert« und tun dann Dinge, die sie sonst nie tun würden. Anschließend »weckt« der Hypnotiseur/die Hypnotiseurin die Teilnehmer wieder aus ihrem »Zustand« auf und sie sind wieder »normal«.

Hypnosetherapie hat damit eher wenig bis gar nichts zu tun. Sie wird auch nicht von Entertainern oder Zauberern oder Jahrmarkts-Darstellern durchgeführt, sondern von ausgebildeten Therapeuten. Meine Hypnosetherapeutin hat einen Master in Psychologie und weiß, wovon sie redet. Sie ist so weit weg von jeglichem Gedanken an »Hokuspokus«, wie man nur sein kann. Ich habe nicht den leisesten Grund, an ihrer Seriosität zu zweifeln. Es gäbe dazu auch keinen Grund, denn Hypnosetherapie ist kein neuartiger alternativmedizinischer Mumpitz, sondern eine über Jahrzehnte entwickelte, längst etablierte tiefenpsychologische Technik.

Und das ist auch alles, was sie ist; eine gesprächstherapeutische Technik, mehr nicht. Es passieren dort keine »magischen« Dinge. Obschon die tiefen Erkenntnisse, die man dank dieser Therapieform haben kann, einem zuweilen »magisch« erscheinen können, einfach weil sie oft so frappierend einleuchtend und stimmig sind.

(Es existieren mehrere Therapieformen, die eine leichte hypnotische Trance als Werkzeug einsetzen. »Meine« Therapeutin arbeitet nach einer der bekanntesten Formen, die von Milton H. Erickson ab den 1950er Jahren entwickelt wurde.)

Hypnosetherapie ist in Deutschland – diesem in Gesundheitsangelegenheiten leider stellenweise etwas rückständigen Land – nicht als »offizielle« Therapiemethode anerkannt, zumindest scheinen die meisten Krankenversicherer die Kosten für diese Behandlungen nicht abzudecken. Das sagt absolut nichts darüber aus, wie effektiv die Methode ist, sondern leider viel darüber, wie wenig auf dem Laufenden unser Gesundheitssystem ist. In unserem Nachbarn Österreich wird Hypnosetherapie zum Beispiel von den Krankenkassen regelmässig übernommen, sofern mich meine kurze Recherche nicht täuscht. (Vielleicht ist das dem Einfluss von Sigmund Freud zu verdanken, der ja lange Zeit in Wien praktiziert hat.)

Hierzulande herrscht, auch unter vielen Fachleuten, also Psychiatern und Psychotherapeuten, die Einstellung vor, dass (m. E.) »oberflächliche« Therapieformen wie zum Beispiel die sehr weit verbreitete kognitive Verhaltenstherapie, besonders empfehlenswert, da am effektivsten seien. Tiefenpsychologische Interventionen werden zwar meistens finanziert, gelten aber als veraltet, da sie zu langwierig seien und oft zu wenig Wirkung zeigten. Dann bleibt eigentlich nur noch die Behandlung mit Psychopharmaka, und damit ist das Spektrum der deutschen Krankenkassenleistungen für psychische Leiden auch schon bald erschöpft.

Das ist zu wenig. Es gibt jede Menge neue und auch gar nicht mehr so neue therapeutische Verfahren, die ebenso wirksam oder besser sind, aber die Krankenversicherungen nehmen sie entweder nicht wahr oder nicht ernst, denn ansonsten würden sie sie mit finanzieren – denn all die Anbieter dieser Behandlungsmethoden würden die wenigen kassenfinanzierten Psychologen dramatisch entlasten, und vielleicht müsste man nicht mehr grundsätzlich Monate bis Jahre auf einen Therapieplatz warten. Aber das ist eine politische Frage, die ich hier nicht weiter erörtern will.

Jetzt zu meiner Erfahrung.

Wie läuft so eine Therapiesitzung ab? Zunächst wird der Therapeut bzw. die Therapeutin über einige wenige Sitzungen (1-3) den Patienten grundsätzlich kennenlernen müssen. Wie ist seine seelische Konstitution? Was bringt ihn in die Therapie? Was ist das für eine Person?

Es muss in diesen Gesprächen erarbeitet werden, was genau anliegt, und wenn es mehrere Themen sind, vielleicht welches davon aktuell am drängendsten ist. Und damit wird dann eine Hypnosesitzung vorbereitet. Typischerweise ist es eine konkrete Situation, mit der der Patient Schwierigkeiten hat, in der er vielleicht scheitert oder sich nicht so verhalten kann, wie er gerne würde. Dabei spielen oft bewusst gefühlte oder verdrängte Gefühlszustände eine Rolle.

Für die erste Hypnosesitzung kann man sich entscheiden, vielleicht mit einer etwas weniger belastenden Situation zu beginnen. Zunächst weiss der Patient nicht so ganz, wie ihm geschehen wird. Das Vertrauen an die Technik ist noch nicht da. Es ist durchaus normal, Angst zu haben vor so einer Sitzung; immerhin geht es da potenziell ans emotionale »Eingemachte«. So war es auch bei mir: wir starteten mit einer Sache, die mich zwar belastete, aber nicht gleich mit dem heftigsten »Klopper«.

Die Therapeutin/der Therapeut wird dann den Patienten bitten, sich bequem hinzusetzen (liegend geht möglicherweise auch; ich habe bis jetzt immer in einem Korbstuhl mit schräger Lehne und Kissen gesessen, und bekomme neuerdings sogar immer 2 Decken, da ich so leicht anfange zu frieren). Dann wird der Patient gebeten, seine Aufmerksamkeit von außen nach innen zu lenken, also die äußeren Sinneseindrücke auszublenden und auf seinen/ihren inneren Zustand zu »horchen«.

Es gibt drei Arten von Eindrücken, die man dort hauptsächlich wahrnehmen kann: Gedanken, Gefühle und Körperzustände. Gedanken müssen nicht weiter erklärt werden – sie kommen und gehen automatisch; jeder kennt das. Bei Gefühlen ist es schon schwieriger; wer seine Gefühle sehr stark verdrängt, kann Schwierigkeiten haben, sie klar wahrzunehmen. Körperzustände wie Anspannung oder Schmerzen sind dagegen oft recht gut greifbar, es sei denn, auch dort verdrängt der Patient sehr stark.

Wer schon einmal meditiert hat, wird erkennen, dass die hypnotische Technik sich nicht grundsätzlich unterscheidet von Techniken der Meditation. In beiden geht es um die bewusste Umleitung der Aufmerksamkeit nach innen, und um das bewusste Wahrnehmen der dort auftretenden Empfindungen.

Die erlebten Zustände müssen überhaupt nicht unangenehm sein, im Gegenteil – es zählt das gesamte Spektrum an Wahrnehmbarem. Wenn ich mich in einer Hypnosesitzung wahnsinnig freue oder mich kaputt lachen muss, dann gehört es mit dazu. Egal was passiert, alles ist »richtig«. Es geht nicht darum, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Wichtig ist nur, dass man sich spürt. Und wenn man gar nichts spürt, dann ist das auch in Ordnung, da es eine Bedeutung bzw. einen Grund hat.

An diesem Punkt – Aufmerksamkeit nach innen gerichtet, auf seine inneren Zustände hörend – befindet man sich typischerweise schon in dem gewünschten »hypnotischen« Zustand. Der wird als leichte »Trance« beschrieben, aber das klingt »mystischer«, als es ist. Wir alle kennen diesen Zustand, wenn wir tagsüber »abdriften« und uns inneren Gedanken oder Gefühlen hingeben. Er ist uns in keinster Weise fremd, und generell haben wir auch keinerlei Angst vor diesem Zustand. Tatsächlich ist er tendenziell beruhigend und lösend, da wir damit für eine Weile Abstand nehmen können von der mitunter belastenden »Welt da draußen«.

Der Patient ist also nicht etwa »weggetreten« oder in sonst einer Art und Weise mental abwesend, geschweige denn, dass es möglich wäre, den Patienten zu »manipulieren«, wie es in der Show-Hypnose geschieht. Im Gegenteil: man ist sehr präsent, sehr aufmerksam – nur dass die Aufmerksamkeit eben nach innen gerichtet ist und man die Außenwelt in diesem Zustand weitestgehend ausblendet.

Aber auch dies tut man nicht vollständig, denn in der Hypnose besteht weiterhin die Verbindung zur Therapeutin. Diese hat die Aufgabe, den Patienten zu führen. Zunächst bittet sie ihn, sich in die aktuell relevante Situation einzufühlen – möglichst intensiv –, und dabei die entstehenden Gedanken, Gefühle und Körperzustände wahrzunehmen (sofern möglich) und ihr zu berichten. Das impliziert, dass man dabei sehr »wach« ist; wenn man schläft, träumt man zwar vielleicht intensiv, aber davon bekommt die Therapeutin dann nur schwer etwas mit.

Es gibt allerdings leichte Überschneidungen mit einem Zustand des Träumens, denn auch dort ist die Aufmerksamkeit ja vollständig nach innen gerichtet; die Außenwahrnehmung ist vorübergehend ausgesetzt. Vielleicht kann man sich die hypnotische Trance – im Idealfall – also vorstellen als eine Art Übergang zwischen vollständigem Wachsein mit Fokus auf die äußere Realität auf der einen Seite, und einem traumreichen Schlaf mit vollständiger Abkapselung von der »Außenwelt« auf der anderen.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass es nicht immer einfach ist, diesen Zustand zu erreichen. Gerade wenn man sehr nervös ist, aufgekratzt, sich körperlich unwohl oder gar bedroht fühlt, kann es sehr schwierig bis unmöglich sein, seine »Realitätskontrolle« etwas »herunterzufahren« und sich auf sein Inneres zu fokussieren. Das ist aber nicht schlimm. Auch in einer nur sehr leichten Trance, oder gar keiner Trance, kann die Sitzung erfolgreich weiterlaufen; dann ist es eben mehr ein tiefenpsychologisches Gespräch. Überhaupt kein Problem. Ebensowenig ist es ein Problem, der Therapeutin zu sagen: »Oh, heute geht es überhaupt nicht, vielleicht machen wir etwas anderes.«

Ein guter Therapeut wird den Patienten niemals zu irgendetwas zwingen. Die Entscheidung, in eine Hypnose zu gehen oder nicht, obliegt einzig dem Patienten. Wenn es geht, dann geht es, und wenn nicht, kein Problem. Auch in der Hypnose selbst wird ein Therapeut niemals Suggestivfragen stellen oder etwas »herauskratzen« wollen, was der Patient nicht von sich aus mitteilt. Es ist weiterhin völlig legitim, eine bestimmte Empfindung nicht mitzuteilen, weil sie einem vielleicht sehr unangenehm ist. Nichts muss. Alles kann.

Dennoch ist das persönliche Verhältnis zum Therapeuten von entscheidender Bedeutung. Meine Therapeutin sagte einmal, dass darin 80% des Theapieerfolges liegen. Der Rest, inklusive der verwendeten therapeutischen Technik, spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn ich meinem Therapeuten vertrauen kann, dann kann ich in der Hypnose auch Kontrolle abgeben. Dann verlasse ich mich darauf, dass mir nichts »passiert«; dass mich der Therapeut versteht und mich an mein Ziel führen wird, und nicht etwa in eine Richtung drängt, in die ich nicht will. Das ist sehr wichtig.

Ich sagte schon, dass die Hypnosetherapie viel mit verdrängten Gefühlen oder Gedanken arbeitet. Diese sind oft der Grund, warum wir so und nicht anders handeln, und warum bestimmte Situationen so schwer für uns sind. Es ist also wichtig, diese verdrängten Anteile wieder ans Licht zu holen und sie zu betrachten – sich überhaupt wieder darüber bewusst zu werden, was denn da in einem selbst abläuft. Allein dieses Wieder-Aufdecken kann überraschend heilsam sein.

Oft sind die verdrängten Anteile auf komplexe Art und Weise miteinander verknüpft, und das Aufdecken eines Motivs führt zum Erkennen eines weiteren Motivs, das aber auch verdrängt war und nun wieder greifbar wird, und so weiter. Am Ende einer solchen Hypnose-Sitzung hat man idealerweise das ganze Geflecht »entknotet« und versteht selbst wieder, wie man eigentlich in diese Lage gekommen ist. Man erkennt plötzlich, welchen Grund man hatte für bestimmte Verhaltensweisen oder unabsichtliche Reaktionen, die irgendwann zu einem Automatismus geworden sind und einem dann später das Leben schwer gemacht haben.

Es ist bei weitem nicht so, dass diese Erkenntnisse immer völlig überraschend sind. Im Gegenteil. Eher sind es häufig triviale Dinge, die man auch selten so weit verdrängt, dass man gar nichts mehr davon wusste. Tatsächlich enden erfolgreiche Hypnose-Sitzungen für mich bisher eher mit dem Fazit »Na, das wusste ich ja eigentlich alles schon mal, aber ich hatte es vergessen/verdrängt/ignoriert, und jetzt ist es wieder ganz klar.«

Ich hatte mir anfänglich auch vorgestellt, dass das Unterbewusstsein in der Hypnose immer gleich auf ein ganz schweres frühes Trauma stoßen und dies aufdecken muss. In der ersten Sitzung hatte ich auch so ein Erlebnis, wo mir mein Unterbewusstsein ein Bild hervorgeholt hat, das mich sehr verunsichert hat, und welches mir zu sagen schien, dass da etwas Schlimmes passiert sein muss. Das war so belastend, dass ich es meiner Therapeutin in der ersten Sitzung nicht sagen konnte. Später konnte ich es dann doch, und es stellte sich heraus, dass das Bild nur symbolisch gewesen sein kann, und ich ihm zu viel Bedeutung beigemessen hatte, in dem ich »krampfhaft« nach etwas gesucht hatte, was nun unbedingt besonders traumatisch sein müsse, denn das sei doch das, was man in der Hypnose ja aufdeckt.

Dem ist aber nicht so. Es kann durchaus sein, dass man an schwere frühere Traumata stösst. Aber nicht alle Erlebnisse sind traumatisch, und auch untraumatische, rückblickend manchmal sogar komplett banale Erlebnisse, an die man nie gedacht hätte, können Auslöser sein für spätere »Störungen« oder eben ungewünschtes Verhalten oder Schwierigkeiten. Es ist also ganz wichtig, sich von keinerlei Erwartungen steuern zu lassen, sondern einfach die Aufmerksamkeit auf das gesetzte Thema zu richten und dann die Gedanken und Gefühle, die ganz von alleine kommen, mitzuteilen. Und wenn da nichts kommt, dann teilt man schlicht mit, dass da nichts kommt. Das gehört dazu und ist völlig normal.

In meiner heutigen Hypnosesitzung ging es zum Beispiel darum, dass ich oft sehr blockiert bin von unangenehmen Dingen, die ich erledigen muss, und die ich aufschiebe, bis ich sie entweder in allerletzter Sekunde und mit großer Panik dann doch noch mache, oder die schon so angstbesetzt sind, dass ich sie seit Jahren gar nicht mehr mache, auch wenn mir dadurch Schwierigkeiten entstehen. Konkret habe ich aktuell großen Stress mit meiner jahrelang ausstehenden Steuererklärung, weswegen mir auch behördlicher Ärger droht.

In der Hypnose habe ich mich hineinversetzt in die Situation, jetzt die noch ausstehenden Belege zusammensuchen zu müssen, und was dann in mir los ist genau in dem Moment, wo ich vom Handeln wieder in diese Prokrastinations-Starre verfalle und mich stattdessen mit etwas deutlich weniger Wichtigem ablenke, wohl wissend, dass das nicht zielführend ist.

Dabei konnte ich mich dann daran erinnern, dass gerade das Steuerthema für mich mit vielen unangenehmen Gefühlen assoziiert ist, zum Beispiel der existenziellen Angst, so viele Steuern zahlen zu müssen, dass kein Geld mehr auf dem Konto ist oder ich sogar Schulden machen muss; und einer diffusen Wut auf den Staat, dem ich zwar zugestehe, dass er Steuern von mir fordert, die ich auch im Rahmen der Gesetze zahlen muss und werde, aber dem ich absolut keinen Cent mehr »schenken« will, als absolut notwendig ist.

Die existenzielle Angst ist wiederum verknüpft an meinen eigenen Anspruch, finanziell unabhängig zu sein, es selbst zu »schaffen«; und an sehr unangenehme Erinnerungen an Zeiten, wo ich es eben nicht geschafft habe, und mir von meinen Eltern Geld leihen musste, um nicht in eine Schuldenfalle zu kommen.

Weiterhin wurde mir wieder klar, dass ich irgendwann begonnen habe, an mich selbst einen derart hohen Leistungsanspruch zu stellen, dass ich diesen gar nicht erfüllen kann, und warum das womöglich so ist (u. a. weil ich plötzlich meinte, »beweisen« zu müssen, dass ich es kann). Dass ich von mir erwartet habe, die Steuergesetzgebung selbst so weit verstehen zu müssen, um meine Steuerangelegenheit auch komplett selbst erledigen zu können, ohne Unsicherheiten und Fragen. Und dass ich auf professionelle Hilfe (etwa einen Steuerberater) nur dann zurückgreifen wollte, wenn ich dieser Person absolut vertrauen und sicher sein konnte, dass ich da nicht am Ende nur sehr viel Geld lasse, aber gar nicht so viel weniger Stress mit dem ganzen Papierkrieg haben werde.

Und dass es eine Zeit gab, in der ich fast nie Probleme damit hatte, an mich gestellte Aufgaben zu erfüllen, sei es zum Beispiel als Schüler in den ersten Jahren am Gymnasium, wo ich Hausaufgaben immer gleich nach der Schule erledigt habe, und sie mir sogar Spaß machten, weil ich im Unterricht aufgepasst und das Material verstanden hatte, also schon wusste, dass ich es konnte, und die Hausaufgaben dann eigentlich nur noch eine spielerische Bestätigung für mich waren, so wie andere Leute vielleicht zur Entspannung Kreuzworträtsel lösen.

All diese Erinnerungen und Gedanken und Motive und Gefühlseindrücke ergaben ein stimmiges Bild, aus dem ich nun wieder klar erkennen konnte, warum mich das Steuerthema so belastet. Nichts davon war überraschend – die Gedanken und Empfindungen kannte ich alle. Aber in dieser Klarheit waren sie nicht mehr präsent. Ich wusste jetzt wieder, dass das unangeneme Gefühl, das mich so blockiert, quasi einen Namen hat, und einen Ursprung. Und dass es möglich ist, dieses wahrzunehmen und anzunehmen, und dann aber beiseite zu legen, um mich der unangenehmen Aufgabe ohne Panik, Angst und Wut zu widmen, so als würde ich wie damals in der Schule meine Mathe-Hausaufgaben machen.

Anders als in der Verhaltenstherapie, wo man nach meinem Erleben nur trainiert, eingefrorene Verhaltensmuster abzuändern, aber sich überhaupt nicht damit beschäftigt, warum diese Muster denn überhaupt entstanden sind, liegt das Augenmerk bei der Hypnosetherapie eher gerade auf den Ursprüngen und Auslösern dieser Muster. Denn wenn man begriffen hat – und dazu muss man sich oft schlicht nur erinnern –, wie es dazu kam, dann kann man auch überprüfen, ob diese Gründe denn immer noch zutreffen, ob also das »falsche« Verhalten immer noch von Vorteil ist.

Denn auch wenn es heutzutage eine »Störung« oder »Blockade« darstellt, dann gab es immer irgendwann mal einen zwingenden Grund, genau so zu handeln und nicht anders. Diesen Grund vergessen wir jedoch oft, und handeln dann nach dem gelernten Muster, bekommen dabei aber nicht mit, dass das Muster inzwischen vielleicht gar nicht mehr angemessen und hilfreich ist für die tatsächliche Situation. Solange diese Verknüpfung aber nicht bewusst ist, wissen wir nicht, warum wir so handeln; wir ahnen nur, dass wir so handeln »müssen«, da dies uns in der Vergangenheit vor Unangenehmem bewahrt hat.

Das ist das Prinzip, nach dem diese Technik funktioniert. Und auch wenn nicht jede Sitzung immer eine größere oder kleinere Erkenntnis bringen muss, so habe ich bisher doch einiges in mir selbst »aufgeräumt« und mir Klarheit über mich selbst geschaffen, mich selbst besser verstanden; mich mehr angenommen als die Person, die ich bin.

Intensive Sitzungen können große innere Umbrüche auslösen, zum Beispiel regelrechte Offenbarungen, wie das plötzliche Anerkennen eines Teils von sich, den man vielleicht jahrzehntelang ignoriert, abgelehnt oder verdrängt hatte. Diese Umbrüche können einen vorübergehend schon an Grenzen bringen und durchaus unangenehm sein, einfach, weil sie auf einmal vieles, an dem man sich orientiert hatte, in Frage stellen, und man sich zunächst ein wenig hilflos und verloren fühlt. Das ist ganz verständlich.

Einen Tag nach meiner ersten Hypnosesitzung hatte ich tatsächlich ein solches Offenbarungserlebnis. Ich habe erkannt, dass meine depressiven Phasen alles andere als eine »Krankheit« darstellten, die ausgemerzt werden müsse, sondern dass sie tatsächlich ein Weckruf waren, ein Warnsignal, um nicht in eine völlig falsche Lebensrealität zu verfallen. Dass ich bisher ein verzerrtes Bild von der Welt gehabt und mich darin in eine Rolle eingefügt hatte, die mir gar nicht liegt. Dass bestimmte Strömungen und Vorstellungen, die ich kannte, aber nie ernst genommen und immer verdrängt hatte, eben doch sehr wichtig waren, nämlich die tatsächliche Wahrheit. Und dass ich mich nur dann wieder mit mir selber »arrangieren« kann, wenn ich dies anerkenne.

In solchen Umbrüchen liegt eine immense, heilende Kraft.

Es gibt Phasen, in denen das, was man in der Hypnosetherapie aufarbeitet, einen eher »runterzieht« – weil man zunächst verarbeiten muss, dass ein »Konstrukt«, das einen jahre- oder jahrzehntelang »geführt« oder bestimmt hat, nicht mehr relevant ist. Die eigene Identität, oder zumindest das Ego-definierte Selbstbild – jedoch niemals das wahre, ursprüngliche Selbst – kann dabei durchaus heftig erschüttert werden. Das ist in dem Augenblick zuweilen schmerzhaft. Hat man jedoch verstanden, dass es alte Muster waren, die einen eher in einem einschränkenden »Klammergriff« hatten, als dass sie tatsächlich einem erfüllten Leben dienten, dann ist man am Ende froh, sie loslassen zu können.

Nach nunmehr fast 4 Monaten Hypnosetherapie (etwa eine Sitzung alle 1-2 Wochen) kann ich sagen, dass mich diese Therapieform schon in den ersten Sitzungen weiter nach vorne gebracht hat – weiter mit mir selbst in Einklang gebracht hat –, als der Großteil meiner früheren Behandlungen, in denen oft nur viel geredet wurde, aber wenig aufgedeckt und noch weniger verstanden.

Ich kann diese Art der Therapie jedem ausdrücklich empfehlen, ganz egal für welches seelisch-psychische Problem, seien es Ängste, oder Zwänge, oder Depressionen, etcetera. Die Voraussetzung ist, man möchte sich wirklich mit sich selbst auseinandersetzen und auf den »Grund der Dinge« gehen. Wer einfach nur wieder »funktionieren« will, ohne dafür grundlegende Überzeugungen in Frage stellen oder sich mehr als geringfügig ändern zu wollen, der ist vielleicht in einer Verhaltenstherapie (optional in Kombination mit Psychopharmaka) besser aufgehoben. Ich habe letzteres selbst viel zu lange gemacht, mit wenig dauerhaftem Erfolg, und möchte nicht wieder zurück.

Über Fragen und Rückmeldungen in den Kommentaren freue ich mich. Wer diesen Artikel hilfreich findet, darf ihn gerne in sozialen Netzwerken teilen, den Link per E-Mail an jemanden schicken, wie auch immer. Und damit einen schönen Tag 🙂

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Author: schoschie

I like to see the wiring under the board™

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