Feier Deine Lücke im Lebenslauf

Ich habe in der Vergangenheit des öfteren Bekannten und Freunden bei ihren Bewerbungen geholfen, und gelegentlich kommt die Frage auf, wie denn diese oder jene »Lücke im Lebenslauf« kaschiert werden könnte.

Hier ein paar Anregungen zu diesem Thema, welches mich einige Zeit beschäftigt hat. Ich spreche damit vermutlich nicht stellvertretend für die Leute, die in den Personalabteilungen größerer Unternehmen sitzen, oder entspreche der Auffassung der meisten Bewerbungsberater. Dies ist meine ganz eigene, möglicherweise kontroverse Auffassung, die Dir vielleicht helfen kann, das Bewerbungsprozedere und Dich selbst in einem positiveren Licht zu sehen, und im besten Fall Dein Selbstbewusstsein stärkt, womit Du wiederum eine sehr gute Voraussetzung hast, um Dich für eine potenzielle neue berufliche Position vorzustellen.

Um es kurz zu fassen: Die sogenannte »Lücke im Lebenslauf« ist nicht das Problem, als das sie gemeinhin dargestellt wird. Sie ist ein Mythos. Vergiss, was Dir Deine Eltern, Lehrer, Mitarbeiter der Arbeitsagentur oder sonstige Respekts- und Autoritätspersonen vermutlich jahrelang eingetrichtert haben.

Ich hatte zuerst überlegt, den Artikel »Scheiß auf die Lücke im Lebenslauf« zu nennen, denn das wäre zwar schön griffig, aber auch unnötig vulgär und negativ. Stattdessen biete ich Dir an, Deine Lebenslauflücke als etwas Positives zu sehen, ja sie zu feiern.

Was ist die Lücke im Lebenslauf überhaupt? Hierbei handelt es sich um einen Zeitraum in Deinem Leben, in dem Du nicht, wie es von der Gesellschaft erwartet wird, entweder einer vergüteten Beschäftigung nachgegangen bist, oder Dich in einer Ausbildung jeglicher Art befunden hast (die wiederum das Ziel hat, einer solchen Beschäftigung nachgehen zu können) oder auf sonst eine Art im Dienst der Gesellschaft standest, zum Beispiel durch Zivil- oder Wehrdienst, freiwilliges soziales Jahr oder ähnliche Aufgaben.

Es ist ein Zeitraum, in dem Du für die Gesellschaft nichts wert warst. Das ist hart formuliert, aber das ist genau das, was impliziert wird, wenn man Dir suggeriert, Du dürfest keine Lücke in Deinem Lebenslauf haben. Gleichzeitig scheint diese Regel auch zu unterstellen, dass Du als Mensch insgesamt nichts wert warst, während Du eine solche »Lücken-Zeit« verbracht hast.

Ich halte diese Auffassung für unerträglich menschenverachtend – ich bin betroffen und wütend, wenn ich miterlebe, wie sich Leute quälen, weil sie nicht wissen, wie sie mit den »Lücken« in ihrem Leben umgehen sollen.

Die Problematik mit der Lücke im Lebenslauf spiegelt ein grundsätzliches Problem wider, an dem unsere Gesellschaft krankt. Wir lernen schon im Kindergarten, dass wir als Menschen nur einen Wert haben, wenn wir funktionieren. Insbesondere, wenn wir auf eine Art und Weise funktionieren, die der Geldwirtschaft nutzt. Hast Du einen Job, dann bist Du wertvoll. Erwirtschaftest Du viel Geld, dann bist Du besonders wertvoll.

Befindest Du Dich in einer Ausbildung oder Studium oder einer sonstigen Maßnahme, die letztlich dazu dient, Dir zu ermöglichen, anschließend ein Leben zu führen, in dem Du Geld erwirtschaftest (und zwar möglichst viel), dann ist das auch in Ordnung. Das tolerieren wir – naja, zumindest so lange es nicht allzu lange dauert, denn ansonsten müssen wir davon ausgehen, dass Du faul bist oder es nicht so richtig bringst.

Alle anderen Tätigkeiten (Wehrdienst, Zivildienst, FSJ und ähnliches) nehmen wir auch hin, denn da bist Du zwar nicht direkt nützlich für die Wirtschaft, aber Du leistest der Gesellschaft einen mehr oder weniger wichtigen Dienst. Das ist in Ordnung. So lange Du uns dienst (auch wenn wir Dich dafür nicht unbedingt entlohnen), tolerieren wir Dich.

Was wir nicht tolerieren können, sind Zeiten, in denen Du einfach nur ein Mensch warst und keine für uns erkennbare Funktion ausgefüllt hast. Das geht nicht. Du hast Dich gefälligst nützlich zu machen. Für das Menschsein an sich bietet die Gesellschaft keinen Platz. Solche Leute nennen wir Faulenzer, Verlierer, Schmarotzer. Es geht nicht an, das man im Leben einen längeren Zeitraum damit verbringt, für niemanden nützlich zu sein.

Daher setzen wir Dich mit dieser Regel unter Druck, einen lückenlosen Lebenslauf vorweisen zu können. Als Beleg dafür, dass Du stets für uns nützlich warst.

Die Wahrheit ist, dass Du immer wertvoll bist, egal was Du tust, und auch, wenn Du überhaupt nichts tust. Du bist automatisch wertvoll, wenn Du auf die Welt kommst, und das bleibst Du auch, und zwar Dein Leben lang. Wie Du Deine Zeit auf diesem Planeten nutzt, ist ganz allein Deine Sache. Es ist Dein Leben. Die Erwartung, zu funktionieren, ist nichts, mit dem Du ins Leben kommst. Nichts in der menschlichen Natur legt diese Erwartung fest. Es ist ein Konstrukt der Gesellschaft, in die Du geboren wirst.

Vielleicht siehst Du das ja schon selbst so. Falls das so ist, dann gratuliere ich Dir zu Dieser Erkenntnis, denn sehr viele Menschen erkennen diese Tatsache ihr ganzes Leben lang nicht – was sehr traurig ist.

Falls Dich meine Worte soeben davon überzeugen konnten, dass dies die Wahrheit ist, dann freue ich mich sehr, dass Du gerade einen sehr großen und wichtigen Schritt weiter gekommen bist auf dem Weg, Dich selbst anzunehmen – Dich so zu akzeptieren, wie Du bist, und nicht, wie es von anderen erwartet wird. Denn das ist der einzige Weg, auf dem ein glückliches und zufriedenes Leben möglich ist. Nimm das nicht leicht, denn es ist eine außerordentlich wichtige Sache.

Jetzt kannst Du auch verstehen, warum Du die Lücken in Deinem Lebenslauf feiern kannst: es waren Zeiten, in denen Du einfach Du warst, und keiner externen Erwartung gerecht geworden bist. Das erfordert Mut. Den Mut, sich selber zu akzeptieren, wie man ist, und den Mut, sich über die Erwartungen der Gesellschaft zu stellen oder zumindest, sich von ihnen frei zu machen. Wer das schafft, der hat eine Menge Gründe, sich zu feiern.

Soweit zum Ideal. In der Realität sieht es vielleicht nicht ganz so feierlich aus. Vielleicht wolltest Du ja funktionieren; wolltest nützlich sein, aber es klappte nicht. Vielleicht warst Du krank. Vielleicht hattest Du starke Ängste oder sonstige Einschränkungen, die Dich daran hinderten, Deiner Wunsch-Aufgabe nachzugehen. Vielleicht wolltest Du rausgehen und Erfolg haben (nach wessen Definition auch immer), aber Du warst blockiert, gehemmt, behindert. Und entweder hast Du erkannt, dass etwas nicht so läuft, wie es sollte, und hast etwas unternommen, um dies wieder in Ordnung zu bringen. Oder Du hast resigniert, Dich zurückgezogen und Deine Zeit eben irgendwie verbracht, vermutlich mit einem schrecklich schlechten Gewissen, dass Dich furchtbar gequält hat, jahrelang.

Die Gründe, warum es in diesen Zeiten nicht klappte, können sehr vielfältig sein. Ich hatte selber wiederkehrende Phasen, in denen mich eine schwere seelische Blockade – aus der klinischen Perspektive eine sogenannte »Depression« – daran gehindert und behindert hat, »nützlich zu sein«. Mein Lebenslauf wäre voller Lücken, wäre ich gezwungen, jede einzelne dieser Phasen, in denen ich nicht »funktioniert« habe, anzugeben. Da ich die meiste Zeit meiner beruflichen Existenz freiberuflich tätig war, ist es für mich einfach, diese Phasen zu verschleiern.

Fakt ist, all diese Schwierigkeiten sind Teil der menschlichen Existenz. Warum jemand blockiert ist und nicht weiter kommt, kann unterschiedlichste Gründe haben. Vielleicht ist es die schiere Angst vor der Welt da draußen, die augenscheinlich Unmögliches von mir erwartet. Oder der Umstand, dass ich mich in der Draußen-Welt so unwohl oder bedroht fühle, dass ich es ganz vermeide, sie zu betreten. Das sind alles Schwierigkeiten, die ein Leben sehr extrem einschränken können, und es wäre gut, sich mit diesen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen – und zwar nicht, um dann besser entsprechend der gesellschaftlichen Erwartungen funktionieren zu können, sondern um einfach frei leben zu können – als Mensch.

Um den Bogen wieder zum Ursprungsthema zu spannen: was auch immer der Grund ist für eine »Lücke im Lebenslauf« – sei es nun, dass eine Blockade (Krankheit, Ängste, Behinderung) Dich auf die Knie gezwungen hat, oder sei es, dass Du einfach frei für Dich entschieden hast, Zeit zu verbringen, ohne der Gesellschaft den erwarteten Dienst zu erweisen – all dies gehört zum Menschsein dazu, und niemand hat das Recht, darüber zu urteilen und Dich deswegen zu bewerten. Egal, was in Deinem Leben vorgeht, es sind Deine Erfahrungen, und alle Erfahrungen, die Du machst, sind auf ihre Weise richtig (auch wenn sie sich vielleicht in dem Moment nicht richtig angefühlt haben oder Du ein schlechtes Gewissen hattest).

Deshalb sage ich: feiere die Lücken. Steh dazu. Sei entwaffnend ehrlich. Schreibe in Deinen Lebenslauf, dass Du 3 Jahre lang nicht wusstest, was Du mit Deinem Leben anfangen sollst, und Deine Zeit mit Ego-Shooter-Zocken verbracht hast. Schreibe, dass Du 2 Jahre lang schwer krank warst. Schreibe, dass Du 1 Jahr lang gemütlich in der Welt herum getourt bist; nicht mal, um »fremde Kulturen kennenzulernen und Dein Verständnis zu erweitern«, sondern einfach, weil Du Bock drauf hattest.

Gut, vielleicht musst Du es nicht ganz so ausschmücken, ein bisschen verschleiern und pokern gehört zum Business dazu, und man muss ja auch nicht die ganze Geschichte erzählen, sondern nur so viel, wie nötig ist. Ich war auch nicht immer mutig, sondern habe meine Lücken meistens mit meiner Freiberuflichkeit kaschiert. Diese Möglichkeit hat nicht jeder.

Jetzt denkst Du wahrscheinlich: das kann ich nicht bringen; die sortieren mich sofort aus.

Ich sage: mach Dir klar, dass der Gesamteindruck zählt. Und dass der Lebenslauf in diesem Gesamteindruck nicht die Rolle spielen sollte, die er leider anscheinend oft spielt. Glaubst Du, dass der eingestellt wird, der den linearsten, strebsamsten, lückenlosesten Lebenslauf hat? Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass Unternehmen Leute suchen, die erstens das können, was sie für die zu besetzende Position können sollen; die zweitens motiviert sind und Spaß am Job haben werden; und die drittens menschlich harmonieren mit den Leuten, die schon da sind.

Dies sind meines Erachtens die drei entscheidenen Faktoren, und keiner dieser Faktoren lässt sich aus dem Lebenslauf ableiten. Der Lebenslauf wird in meinen Augen schlicht überbewertet. Er ist eine reine Formalität. Man will sehen können: was hat der oder die denn so alles gemacht, und wann? Und wenn dann da steht: »3 Jahre lang Ego-Shooter gezockt, während ich mir darüber bewusst wurde, wo ich hinmöchte im Leben«, dann was?

Wenn ich einen Bewerber vor mir habe, aus dessen Mappe ich erkennen kann, dass er oder sie passen könnte, und so etwas im Lebenslauf lese, dann wandert die Bewerbung nicht in die Tonne. Sondern ich wäre amüsiert und beeindruckt von dem Mut und der Ehrlichkeit, die dieser Mensch aufbringt. Und ich würde ihn oder sie definitiv einladen, und zwar noch vor dem Menschen mit der Streber-Bewerbung, in dessen Leben angeblich alles absolut geradlinig gelaufen ist.

Vermutlich denke ich da auch zu progressiv, und in manchen Personalabteilungen sitzen tatsächlich traurige Gestalten, die die Lebensläufe abscannen, und alles, was nicht der Form entspricht, wird ohne weitere Beachtung der restlichen Bewerbung pauschal aussortiert. So etwas wird es geben. Aber solche Unternehmen suchen auch keine Menschen, die suchen Roboter. Ich weiß nicht, wie es Euch geht; ich möchte kein Roboter sein. Die sollen dann doch auch lieber die Roboter kriegen, die sie suchen; ich bleibe lieber Mensch und mir selber treu – und dann finde ich auch viel eher die Position, in der ich genau so geschätzt werde, wie ich bin – mit all meinen Ecken und Kanten.

Ich hoffe, ich konnte Dir mit diesem Artikel Mut machen, ehrlich zu Dir selber zu stehen, Deine vermeintlichen Schwächen und Mängel als einen Teil von Dir anzunehmen, und selbstbewusst damit aufzutreten. Du weisst immerhin ganz genau, warum Du diese angeblichen Lücken in Deinem Leben hattest. Die sind ja nicht einfach passiert; sie ergaben sich aus den Umständen. Steh dazu. Sei ehrlich. Das bist Du, und das ist alles richtig so. Du bist ein Mensch, und Du bist wertvoll; egal, was Du wann getan oder nicht getan hast. Die Welt braucht Menschen wie Dich. Was die Welt nicht braucht, sind noch mehr Roboter, die sich unsinnigen Erwartungen fügen. Sei kein Roboter. Sei ein Mensch. Sei mutig. Du wirst Dein Ziel erreichen.

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Author: schoschie

I like to see the wiring under the board™

1 thought on “Feier Deine Lücke im Lebenslauf”

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