Synthetische Cannabinoide

Was sind synthetische Cannabinoide? Über diese Gruppe von psychoaktiven Verbindungen ist einiges an Fehlinformation im Umlauf, daher versuche ich, in diesem Artikel ein wenig aufzuklären.

Der Artikel ist relativ technisch und geht auf Geschichte, prinzipielle Eigenschaften, typische Anwendung und potenzielle Gefahren ein, nicht jedoch auf das Erlebnis des Drogenrausches selbst, oder Unterschiede zwischen Einzelverbindungen.

Über Feedback, insbesondere Hinweise auf Fehler oder Ungenauigkeiten freue ich mich. Viel Spaß beim Lesen!

Die Geschichte der synthetischen Cannabinoide beginnt mit der Erforschung der aktiven Inhaltsstoffe von natürlichem Cannabis. Diese reicht mindestens zurück bis in die 40er Jahre zu einem gewissen Roger Adams, der schon Cannabinoide aus Pflanzenmaterial isoliert und untersucht hat. Diese Forschung erhielt Ende der 60er durch die Arbeiten von Raphael Mechoulam und Yechiel Gaoni in Israel einen Aufschwung, als THC als primärer Wirkstoff neben CBD und zahlreichen anderen Cannabinoiden systematisch identifiziert und charakterisiert wurde.

Ein Stoff mit den Eigenschaften von Cannabis, nämlich schmerzlindernd, angstlösend, antidepressiv und appetitsteigernd zu wirken, ist für die pharmazeutische Industrie selbstredend hochgradig interessant. Pharmaunternehmen haben daher lange versucht, solche Verbindungen zu finden, die an derselben Stelle im Körper wirken wie die natürlichen Cannabis-Wirkstoffe, nämlich dem Cannabinoid-Rezeptor (CB-Rezeptor), der aus zwei Untereinheiten besteht, CB1 und CB2, die beide am Cannabis-Effekt beteiligt sind.

Synthetische Cannabinoide sind also alle künstlich hergestellten Verbindungen, die diesen Rezeptor manipulieren – entweder anregend oder hemmend. Cannabinoid bedeutet Cannabis-ähnlich, oder Cannabis-imitierend. Man findet oft den Begriff »synthetisches Cannabis«, der jedoch irreführend ist. Tatsächlich wird ja nicht das Pflanzenmaterial von Cannabis synthetisch nachgebaut, sondern nur die Wirkung der darin enthaltenen aktiven Substanzen, vornehmlich der von THC.

CB-Rezeptor-Agonisten böten mit dem genannten Wirkungsspektrum theoretisch das Potenzial, Medikamenten-Bestseller zu werden. Unter den Pharmaunternehmen sticht besonders Pfizer hervor, das u. a. Ende der 70er bis Anfang der 80er eine Serie von Substanzen mit dem Codenamen CP47,497, entwickelt hat.

Auch in der akademischen Forschung hat man an synthetischen Cannabinoiden gearbeitet. Raphael Mechoulams Gruppe am Weizmann Institute of Science bzw. an der Hebräischen Universität Jerusalem stellte seit Ende der 80er Jahre eine Serie von Verbindungen her, die den Codenamen HU-xxx tragen, wobei xxx eine laufende Nummer zur Unterscheidung der einzelnen Verbindungen ist. Seit etwa Mitte der 80er arbeitet(e) eine Forschungsgruppe um John W. Huffman an der Clemson University in South Carolina an Verbindungen mit dem Namensschema JWH-xxx, wobei von 450 verschiedenen Einzelverbindungen berichtet wird. Die Gruppe um Alexandros Makriyannis stellt(e) seit den 90ern an der Northeastern University in Boston eine Serie mit dem Namen AM-xxx her, die ebenfalls mehrere Hundert Einzelstoffe umfasst.

Die synthetischen Cannabinoide umfassen streng genommen nicht ausschließlich Cannabinoid-Rezeptor-Agonisten, also Stoffe, die den körpereigenen Cannabinoid-Rezeptor aktivieren, um die von natürlich Cannabis bekannte Wirkung zu erzielen. Es sind auch Antagonisten darunter, die den gegenteiligen Effekt haben, was sie als Rauschmittel natürlich absolut ungeeignet macht, aber dennoch interessant für die pharmakologische Forschung.

Mit Rimonabant existierte kurzzeitig (von etwa 2006-2008) ein CB-Rezeptor-Antagonist, also Hemmstoff, mit dem der Appetit bei schwer Übergewichtigen gezügelt werden sollte. Dieses Mittel hatte jedoch äußerst schwerwiegende Nebenwirkungen wie z.B. Depression bis hin zum Suizid, weshalb es nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen wurde. Es ist bis dato das einzige Mittel dieser Art, das es auf den Markt geschafft hat. Es scheint, dass das Nebenwirkungsprofil der CB-Antagonisten zu ungünstig ist, so dass man keine weiteren Unternehmungen in diese Richtung gemacht hat.

Unter den Agonisten sowie Antagonisten gibt es Mittel, die den CB-Rezeptor nur anteilig anregen bzw. hemmen (partieller Agonist bzw. Antagonist), und solche, die als sogenannte volle Agonisten bzw. Antagonisten wirken, den Rezeptor also sozusagen »voll aussteuern«, entweder in anregender oder hemmender Richtung. Einige synthetische Cannabinoide sind, anders als die natürlichen Cannabinoide, volle Agonisten, wodurch ihre Wirkung relativ verstärkt ist, was sie potenziell gefährlicher macht, da sie typischerweise in geringerer Dosis und/oder für längere Zeit wirken. Doch zu den Gefahren komme ich später.

Interessanterweise scheint es kaum ein synthetisches Cannabinoid tatsächlich auf den Pharma-Markt geschafft zu haben; ich habe nur zwei gefunden (Levonantradol von Pfizer und Nabilon von Eli Lilly), wenn man das als Marinol (Dronabinol) vertriebene synthetisch produzierte, aber naturidentische THC nicht mit zählt. Möglicherweise ist es nicht gelungen, einen Wirkstoff zu finden, der zwar die nützlichen Effekte von Cannabis imitiert, aber nicht berauschend wirkt oder ein Abhängigkeitspotenzial aufweist; solche Effekte stehen oft einer Zulassung als Medikament im Weg. (Opioide sowie Benzodiazepine sind Medikamentenklassen, bei denen man diese potenziell gefährlichen Effekte in Kauf nimmt, da es schlicht keine Alternative gibt.)

Allerdings fanden die Ergebnisse der Forschungsbemühungen Eingang in zahlreiche öffentlich einsehbare Patentschriften und akademische Papers.

Kurz nach der Jahrtausendwende kamen Räuchermischungen unter Namen wie Spice oder K2 auf den Markt. Sie gaben vor, aus einer Mischung diverser medizinischer Kräuter zu bestehen, die in Kombination ähnlich wirkten wie Cannabis. Tatsächlich erzeugten sie einen sehr Cannabis-ähnlichen Rauschzustand. Bei Laboranalysen stellte sich allerdings heraus, dass man keine der Inhaltsstoffe fand, die charakteristisch für das Vorhandensein der genannten Kräuter wären. Im Januar 2009 stellten Forscher an der Uni Freiburg schließlich fest, dass für die Rauschwirkung eine ganz andere Substanz verantwortlich war, die der Hersteller nicht deklariert hatte, und zwar eine minimal veränderte Variante von Pfizers CP47,497. Nur Monate später wurde diese Substanz sowie einige weitere, kurz darauf entdeckte synthetische Cannabinoide dem deutschen Betäubungsmittelgesetz unterstellt und waren damit hierzulande illegal.

Das hielt die Hersteller von Spice und Co. nicht lange auf. Sie hatten inzwischen ein großes Arsenal von synthetischen Cannabinoiden aus der Forschung der vergangenen zwei Jahrzehnte zur Verfügung. Die Verbindungen selbst, ihre Wirkung, sowie die jeweilige Herstellungsprozedur waren in der Literatur (Patentschriften oder wissenschaftliche Veröffentlichungen) einsehbar, so dass sie keine eigene Forschung betreiben mussten – es gab mehr als genug Auswahl.

Innerhalb der nächsten Jahre veränderten sie immer wieder die Rezeptur und tauschten inzwischen kontrollierte Substanzen durch neue, »freie« Wirkstoffe aus. Zum Einsatz kamen unter anderen Verbindungen mit den Codenamen JWH-018, JWH-073, AM-694, AM-2201, RCS-4, JWH-210, JWH-081, JWH-250, JWH-302, JWH-203, und JWH-122. (Dass so viele Vertreter von John W. Huffmans Forschung darunter waren, lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass diese Verbindungen verhältnismäßig einfach herzustellen sind. Huffman liess sie oft durch seine Studenten in unteren Semestern synthetisieren.)

Ich weiss nicht, wie es heute um Kräutermischungen wie Spice steht. Der ursprüngliche Hersteller, die Londoner Firma »The Psyche Deli« – die übrigens im Jahr 2007 über ein Kapital von fast 900.000 Pfund verfügte –, ist jedenfalls nicht mehr aktiv. Viele synthetische Cannabinoide sind inzwischen den jeweiligen Rauschmittel-Gesetzgebungen der meisten Staaten unterstellt und damit nicht mehr verfügbar.

In den meisten Fällen werden Rauschmittel erst gesetzlicher Kontrolle unterstellt, wenn sie gehäuft auf dem Markt auftreten, und insbesondere, wenn Verletzungen oder schlimmstenfalls Todesfälle durch ihren Gebrauch (üblicherweise durch Überdosis oder Mischkonsum) bekannt werden. Die Gesetzgeber können typischerweise nicht eine ganze Stoffklasse illegalisieren, zum einen, da die Substanzen ihrer chemischen Struktur nach nicht immer einheitlich sind, und zum anderen, weil dies die Möglichkeit verhindern würde, solche Verbindungen prinzipiell auch als Medikament zu vermarkten. Es gibt daher weltweit kein Drogengesetz, dass zum Beispiel synthetische Cannabinoide prinzipiell illegal machen würde.

Gesetzesänderungen brauchen abgesehen davon relativ viel Zeit, und die Möglichkeiten, chemische Strukturen abzuwandeln, um einen neuen Stoff mit derselben oder sehr ähnlichen berauschenden Wirkung zu erhalten – eine sogenannte Designerdroge – sind quasi unbegrenzt. Aktuell ist eine breite Palette von noch nicht kontrollierten (legal erhältlichen) synthetischen Cannabinoiden als Designerdrogen auf dem Markt; sie sind sehr potent, und sehr günstig. Für ein Gramm zahlt man 15 bis 30 Euro. (Gemeint ist der reine Wirkstoff, nicht das Kräutergemisch, das im Original-Spice nur als Füllstoff gedient hatte.)

Wie potent sind synthetische Cannabinoide? AM-2201, einer der stärksten bekannten Vertreter, wirkt bereits in einer Dosis von 500 Mikrogramm. Nicht Milligramm, sondern Mikrogramm – Millionstel Gramm. Nur wenige Klassen von Rauschmitteln sind vergleichbar stark; das bekannteste Beispiel ist LSD, für das eine typische Dosis ab ca. 100 Mikrogramm angegeben wird. (Die Wirkung von LSD und Cannabinoiden ist kaum vergleichbar – dies dient nur zur Verdeutlichung der mikroskopischen Mengen.)

Eine durchschnittliche Dosis für synthetische Cannabinoide liegt bei oraler Aufnahme im einstelligen Milligrammbereich. 5 Milligramm, oral verabreicht, sorgen für einen ordentlichen Rausch, sofern der User noch keine Toleranz entwickelt hat. Damit entspricht ein Gramm 200 Dosen; bei einem Grammpreis von 15 Euro kostet »einmal stoned sein« also absurde 7,5 Cent.

Der typische Cannabis-Konsument pflegt seine Droge jedoch zu rauchen, wozu er sie auf ein rauchbares Substrat (Tabak etc.) träufelt. Für einen Joint aus synthetischen Cannabinoiden dürfte die Dosis deutlich höher sein müssen, da durch thermische Zersetzung beim Erhitzen bzw. Verbrennen und Verluste bei der Aufnahme des Wirkstoffs über den Rauch in die Lunge viel Wirkstoff verloren geht.

Nasale oder intravenöse Verabreichung wären denkbar, aber kommen in der Praxis eher nicht vor. Fast alle Cannabinoide sind wie ihre natürlichen Vorlagen (THC, CBD und Co.) lipophil, also löslich in Fett bzw. Öl (sowie zum Teil in Alkohol), jedoch aber praktisch nicht in Wasser, so dass zumindest Schniefen (in die Nase ziehen) keine effiziente Methode der Einnahme zu sein scheint.

Wie bekommt man synthetische Cannabinoide? Sehr einfach – im öffentlichen Web. Es gibt zahlreiche Anbieter, die die diversen Verbindungen offen oder nach Registrierung anbieten. Sie werden als »für Forschungs-/Analysezwecke« und »nicht zur Einnahme« deklariert, um entsprechende Arzneimittel-Gesetzgebungen zu umgehen, die in fast allen Jurisdiktionen pauschal verbieten, dass eine Substanz im Körper angewendet wird, ohne dass dafür eine Zulassung besteht.

Es handelt sich jeweils um Verbindungen, die im jeweiligen Anbieterland noch nicht vom Gesetz erfasst wurden. Viele dieser Online-Shops haben ihren Sitz im Vereinigten Königreich, einige in Spanien. Sie agieren in einem rechtlichen Graubereich, und ab und zu wird ein Shop geschlossen, taucht dann aber einige Zeit später unter anderem Namen und anderer Adresse wieder auf. Sobald einer der angebotenen Stoffe der gesetzlichen Kontrolle unterstellt wird, verschwindet er aus dem Sortiment, und es rückt früher oder später ein Ersatz nach.

Dabei handelt es sich meistens um einen der bereits kontrollierten, populären Stoffe, deren Molekülgerüst nur minimal modifiziert wurde, so dass die Wirkung möglichst identisch ist mir der »Vorlage«, die dann jedoch, da es eine andere Verbindung ist, im Gesetz nicht auftaucht. Typische solche Modifikationen sind der Austausch von Wasserstoff- durch Halogenatome, die Verkürzung oder Verlängerung einer Kohlenwasserstoff-Seitenkette, die Ergänzung oder Veränderung funktionaler Gruppen z.B. an Ringsystemen oder allgemein der Austausch von Kohlenstoffatomen durch andere Elemente wie Stickstoff oder Sauerstoff.

Wie gefährlich sind synthetische Cannabinoide? Hier liegt das hauptsächliche Problem von Designerdrogen: sie sind typischerweise so neu, dass keine oder zu wenige Daten dazu vorlegen. Prinzipiell wird keine Designerdroge auf dem Markt auftauchen, die bei richtiger Dosierung akut schon so giftig ist, dass sie ihre User regelmäßig ins Krankenhaus bringt.

Allerdings ist die richtige Dosierung oft das Problem. Insbesondere die synthetischen Cannabinoide bergen hier ein relativ hohes Gefahrenpotenzial, da sie sehr potent sind. Ein Stoff, der im einstelligen Milligramm-Bereich aktiv ist, kann leicht überdosiert werden, da solche geringen Mengen nicht sicher wägbar sind (und erst recht nicht per Augenmaß – sogenanntes Eyeballing – einzuhalten).

Mit einer analytischen Feinwaage, die tatsächlich auf das Milligram genau und kalibrierbar ist, ist das kein Problem. Solche Profigeräte sind jedoch sehr teuer (500 Euro und aufwärts), und tatsächlich besitzen User bestenfalls eine Spielzeug-Feinwaage aus China für 20 bis 50 Euro. Diese Waagen behaupten zwar, auf ein (oder 10) Milligramm genau zu sein, zeigen unterhalb von 20 bis 50 Milligramm aber nur Rauschen (Zufallswerte) an.

Bei dieser Ungenauigkeit wird das Dosieren von synthetischen Cannabinoiden zu einem großen Risiko. Daher behelfen sich User mit einem Trick, dem sogenannten Liquid Dosing. Dazu wird eine einigermaßen sicher wägbare Menge des Stoffes (z.B. 50 Milligramm) in einer bekannten Menge eines geeigneten Lösungsmittels aufgelöst, z.B. (reinem) Alkohol. Wenn man sauber arbeitet, lässt sich die Lösung anschließend relativ sicher dosieren, z.B. tropfenweise mit einer Pipette.

Trotzdem sind Cannabinoid-Überdosierungen nicht selten. Die Websites, auf denen Erfahrungsberichte (Trip Reports (TR) bzw. Experience Reports (ER)) gesammelt werden, berichten reihenweise von unangenehmen Erfahrungen mit zu hohen Dosen. Dabei ist oft schlicht Unwissenheit im Spiel.

Da von Online-Shops beschaffte Designerdrogen »offiziell« nicht für die Einnahme vorgesehen sind, liegt ihnen kein Beipackzettel bei, aus dem man entnehmen könnte, welche Effekte bei welcher Dosis zu erwarten sind, wie man den Stoff am besten einnehmen sollte, welche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen möglich sind, und so weiter. Diese Informationen muss man sich aus dem Web zusammensuchen anhand besagter Reports.

Die Betreiber dieser Websites sowie die Drogen-User selbst sind generell bemüht, möglichst akkurate und vollständige Informationen zu liefern, denn niemand wünscht jemand anderem einen »schlechten Trip«. Sollte ein Stoff sich in der Praxis als zu schwierig handhabbar oder unangenehm herausstellen, wird dies sich in den Reports schnell niederschlagen.

Gerade synthetische Cannabinoide sind hier jedoch etwas problematisch, da es schlicht zu viele von ihnen gibt, bzw. zu häufig neue Verbindungen auf dem Graumarkt auftauchen. Ein User muss sich also im ungünstigsten Fall auf einige Einzelberichte verlassen, die, da sie aus subjektiven und individuellen Erfahrungen bestehen, zwar einen groben Überblick bieten, aber dennoch entsprechend unzuverlässig sind.

Designerdrogen haben einen weiteren Nachteil, der ebenfalls damit zusammenhängt, dass sie oft sehr neu sind: es gibt typischerweise keine Erfahrungen zu langfristigem Konsum. Vielleicht stellt sich in einigen Jahren heraus, dass Substanz XYZ bei regelmäßigem Konsum in hoher Dosis neurotoxisch wirkt. Solche Fälle gab es in der Vergangenheit; leider werden sie erst bekannt, wenn man die ersten Opfer entdeckt. Zu synthetischen Cannabinoiden ist mir kein solcher Fall bekannt, aber das bedeutet nicht, dass sie sicher sind.

Auch hier gilt für die synthetischen Cannabinoide ein höheres Risiko, da viele verschiedene Verbindungen auf dem Markt existieren, die prinzipiell alle einzeln untersucht werden müssten. Spice und Co. machten diese Stoffe etwa um 2005 populär, so dass theoretisch 10 Jahre an Erfahrungswerten vorliegen – allerdings nur für die gesamte Gruppe von Verbindungen, nicht für einzelne Substanzen. Dass eine Substanz gut verträglich ist, lässt nicht sicher darauf schließen, dass dies für eine andere, wenn auch ähnliche Verbindung genauso gilt.

An diesem Punkt wird der Leser denken, dass diese Drogen zu gefährlich sind, und da kann ich ihm nicht grundsätzlich widersprechen – man begibt sich in der Tat auf unsicheres Terrain.

Man sollte jedoch erwähnen, dass der Designerdrogen-Graumarkt auch einige Vorteile hat gegenüber dem üblichen Straßenverkauf. Zum einen stehen die Anbieter unter dem Druck des Marktes, eine gewisse Qualität zu liefern. Mangelnde Qualität wird sich in einschlägigen Foren und Bewertungs-Sites schnell herumsprechen, und fragwürdige Anbieter werden verdrängt. Marktgesetze sorgen also dafür, dass die Qualität (Reinheit) der Ware relativ hoch ist; deutlich höher als der typische gestreckte Stoff von der Straße (dies gilt natürlich weniger für Pflanzenmaterial wie Cannabis als für pulverförmige Einzelstoffe).

Zum anderen ist drin, was draufsteht. Ein Händler, der seine Ware falsch deklariert, wird sich ebenfalls aufgrund von schlechten Bewertungen nicht lange halten. Beim Straßenkauf ist dies nicht gegeben – in der Pille, die als Ecstasy angeboten wird, kann alles mögliche sein außer dem erwarteten, »originalen« Wirkstoff MDMA.

Für den Konsum von synthetischen Cannabinoiden gelten ansonsten die gleichen Regeln wie für alle anderen Drogen auch: verantwortungsvoller Konsum unter Einhaltung der richtigen Dosis sowie Set und Setting. Das ist nur möglich, wenn man informiert ist und weiß, womit man es zu tun hat. Wer sich von einem Unbekannten eine unbekannte Substanz verabreicht, riskiert, im Krankenhaus oder gar nicht mehr aufzuwachen.

Letztlich bleibt die Frage, warum überhaupt ein Markt für synthetische Cannabinoide existiert, wenn es doch das natürliche Original gibt, über das wir Jahrzehnte an Erfahrungen haben und von dem wir wissen, dass es gemessen an allen Faktoren sehr sicher ist?

Ganz einfach – weil natürliches Cannabis sowie alle anderen, altbekannten und bewährten Rauschdrogen weiterhin unter den meisten Jurisdiktionen illegal sind. Viele User wählen daher den Weg über den Graumarkt und wähnen sich überwiegend sicher. Zweitens ist die Möglichkeit, direkt online zu bestellen, nach Hause geliefert zu bekommen und zu wissen, dass in dem Tütchen ein Stoff hoher Reinheit steckt, sehr attraktiv. Drittens sind speziell synthetische Cannabinoide verglichen mit dem natürlichen Material überraschend günstig, insbesondere bei oralem Konsum, wie ich oben vorgerechnet habe. Die genannten Risiken aufgrund der Neuheit der Substanzen wirken dagegen nicht mehr sonderlich abschreckend.

Sollte man etwas dagegen tun? Mehr Gesetze? Härteres Durchgreifen? Alles verbieten? Ich sage: nein, im Gegenteil. Die einzige Lösung ist die Legalisierung, und zwar nicht in Form einer unkontrollierten Öffnung des Marktes, sondern — und das ist sehr wichtig — in Verbindung mit umfassender Aufklärung über den sicheren und verantwortungsvollen Konsum. Denn so verhindern wir Unfälle, und überwiegend vermeidbare Unfälle sind es, durch die Drogen gemeinhin (und unangemessen pauschalisierend) als gefährlich gelten.

Wer Rauschdrogen mit dem richtigen Wissen, Respekt, Verantwortung und in Maßen konsumiert, wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sein Leben lang keine gesundheitlichen Schäden erleiden. Die allermeisten Menschen benutzen Drogen verantwortungsvoll und ohne Probleme. Leider tauchen in Krankenhäusern, Statistiken und Schreckensnachrichten nur die Extremfälle auf, die gegen die »Bedienungsanleitung« verstoßen haben – jedoch fast immer aus Unwissenheit, die wiederum eine Begleiterscheinung der Prohibition ist.

Der Markt für neue, unsichere Designerdrogen würde durch Legalisierung stark schrumpfen, denn wenn bewährte und sichere – bzw. in ihren Risiken genauer abschätzbare – Drogen legal erhältlich wären, verlören diese umgehend an Attraktivität. Auch hier würde Legalisierung die Gefahren verringern und nicht vergrößern.

Abhängigkeit ist noch ein etwas komplexeres Problem, das mehr mit der seelischen Konstitution des Konsumenten zusammenhängt als mit der habituierenden Eigenschaft einer Droge. Hier kann man zusätzlich zur Aufklärung auch durch therapeutische Intervention gegensteuern und das Risiko verringern. Es erklärt sich von selbst, dass niemand freiwillig von einer Droge abhängig wird. Abgesehen davon erzeugt bei weitem nicht jede Droge eine Abhängigkeit (insbesondere Psychedelika wie LSD und Psilocybin haben diese Eigenschaft nicht), und praktisch keine Droge macht, anders als von Laien oft behauptet wird, schon nach dem ersten Konsum abhängig.

Ausgerechnet die USA, die in den 70er Jahren den katastrophal gescheiterten War on Drugs weltweit in Gang gesetzt haben, machen gerade vor, wie das laufen kann. Zwar bisher nur mit Cannabis, und nur in einigen Staaten und nicht auf Bundesebene, aber immerhin. Ich bin mir sicher, dass diese Entwicklung auch hierzulande ankommen wird.

Menschen wollen sich berauschen, so wie sie es in allen Kulturen seit Tausenden von Jahren getan haben. Jede Politik, die versucht, dies einzuschränken, wird scheitern. Wissenschaftliche Argumente für die Drogenprohibition gibt es keine, zumindest nicht, wenn Alkohol und Nikotin legal bleiben, während alle anderen Rauschmittel verboten sind. Wir haben gesehen, wie der War on Drugs gescheitert ist. Wir haben auch gesehen, wie Probleme in Verbindung mit Drogenkonsum in den Ländern, die ihre entsprechende Gesetzgebung gelockert haben, massiv zurückgegangen sind. Es spricht tatsächlich nichts gegen und alles für die Legalisierung. Das einzige, was diesen Prozess aufhält, sind falsche Vorstellungen über Drogen, die leider seit den 70ern in den Köpfen gerade meiner Elterngeneration vorherrschen. Diese Generation hat aktuell noch zu viel politische Macht inne, aber das wird die Zeit schon regeln.

Einige werden ihre falschen Vorstellungen nie ablegen; es wird schwer, diese zu erreichen. Andere können wir aufklären. Dieser Artikel ist ein Beitrag dazu.

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Author: schoschie

I like to see the wiring under the board™

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