Not Just Sad?

Heute habe ich von #NotJustSad erfahren, einem auf Twitter geführten Diskurs zum Thema Depression. Ich hatte dazu früher sporadisch schon Tweets verfasst, aber nie so zusammenhängend, und meistens auch leider aus einem Zustand heraus, in dem ich besser mein Handy zur Seite gelegt hätte.

Gerade wollte ich einfach nur ein, zwei neue Tweets schreiben, um Teil des Diskurses zu sein, und heraus kam ein längerer Monolog. Recht spontan und unredigiert. Danke an seelenforscher für die Einladung zum Mitmachen, an @volkerK_ für den Aufruf, das Ganze in einen Blogartikel zu übertragen, und an @WiFiCable fürs Vorarbeiten. Der Text aus den Tweets ist unverändert bis auf Zeichensetzung und Typografie. Hier ist also mein Beitrag zu #notjustsad — für den Anfang.

#NotJustSad trifft es nicht so ganz. Man kann prima depressiv sein ohne das geringste bisschen Traurigkeit.

Es kann sich sehr vielfältig äussern. Jemand, der akut depressiv ist, kann nach aussen sehr aggressiv wirken und null traurig.

Das erste mal, dass ich mich getraut habe, mir Hilfe zu holen, war ein Desaster. Ich war bei einem sehr unerfahrenen Arzt. Dem beschrieb ich meinen Zustand, und ob das Anzeichen einer Depression sind. Es war mir so schrecklich unangenehm. Dieser Arzt nahm mich kein bisschen ernst.

»Also, das kann ich Ihnen sagen: depressiv sind Sie auf keinen Fall!«

Dabei hatte er einen verächtlichen, fast schon spöttischen Tonfall.

»Wenn Sie depressiv wären, dann müssten Sie in eine Klinik! Leute, die depressiv sind, können nicht mal alleine unter die Dusche! Die schaffen es nicht, sich anzuziehen. Das sind Sie nicht. Sie haben keine Depression. Machen Sie mal ein bisschen Sport, dann geht’s Ihnen besser!«

Und damit entliess er mich. Ich wusste danach absolut nicht mehr weiter. (Dieser Arzt praktiziert leider nach wie vor.)

Ich weiss nicht mehr, wie ich es anschliessend geschafft habe, aber irgendwoher fand ich Kraft, um die Zähne zusammenzubeissen. Kurze Zeit später habe ich online nach Therapeuten gesucht und die erstbeste angerufen. Zum Glück bekam ich sofort einen Termin. Das war eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, dabei war ich schon 30, aber das war mir egal. Hauptsache irgendwo hin.

Das ist 10 Jahre her und war erst der Anfang, und ich bin noch lange nicht am Ziel.

Es geht vorwärts, aber sehr, sehr langsam.

Wie wird man Depression los? Wenn ich in einem depressiven Tief bin, denke ich oft: gar nicht. Es hört nie auf. Wenn ich okay drauf bin, stelle ich mir vor, dass es eine echte Heilung gibt, wie immer die sich auch gestalten mag.

Was kann man tun? Die schulmedizinische Sichtweise ist, dass Depression natürlich eine Krankheit ist, die weg muss. Dazu macht man üblicherweise psychotherapeutische Behandlungen, optional in Kombination mit Medikation. Die Psychotherapie kann helfen, sich selber besser zu verstehen, und (ggf. in einem späteren Schritt) sich zu verändern. Das Sich-Verstehen und Sich-Verändern ist wahrscheinlich das Allerwichtigste. Für meine Entwicklung war es das, verbunden mit der Erkenntnis, dass niemand von aussen dich ändern kann. Das kannst nur du selbst. Dann beginnt eine Transformation. Die hat das Zeug, sehr sehr heilsam zu sein.

Ich habe viele solche Transformationen durchgemacht. Ich kenne mich heute unendlich viel besser als vor 10 Jahren, aber geheilt bin ich nicht. Die depressiven Zustände bleiben nicht aus.

Aber ich bin auf dem Weg. Mal sehen, was noch kommt.

Was können Medikamente? Erstmal muss man klarstellen: es gibt keine Happy Pills. Das ist ein leider verbreiteter Irrglaube. Die Antidepressiva, die zurzeit auf dem Markt sind, bringen dich nicht gut drauf. Egal, ob gesund oder depressiv. Wenn es gut läuft, erlauben sie dir aber, wieder besser zu funktionieren im Alltag. Die Wirkung ist nicht sehr stark. Die Wirksamkeit von AD liegt laut Doppelblindstudien im Durchschnitt bei gerade mal so 10% über Placebo. Das las ich zumindest mal in einem Artikel. Aus eigener Erfahrung kann ich das aber bestätigen. Es sind keine Wundermittel.

Ich hab sie fast alle durch. Trizyklika. SSRI. SNRI. SSNRI. Atypische Neuroleptika. You name it, I tried it. Bei einigen bin ich bis an die erlaubte Höchstdosis gegangen und hatte keine (erkennbare) Wirkung. Erst bei Zweien habe ich überhaupt dauerhaft eine Wirkung bemerkt, aber für den Preis einer unangenehmen Nebenwirkung. Diese Nebenwirkung war dergestalt, dass ich diese Medikamente wieder absetzen musste.

Natürlich habe ich zwischenzeitlich immer wieder versucht, ganz ohne Medikamente zurecht zu kommen. Das klappte immer nur eher kurz. Irgendwann wurden die Tiefs wieder so bedrohlich, dass es nicht mehr ging. Reiss dich doch mal zusammen, hört man vielleicht. Es ist schwer zu vermitteln, wie sehr man genau das schon die ganze Zeit tut. Aber trotzdem plagen einen unbeschreibliche Selbstzweifel. Vielleicht haben die Recht. Vielleicht bin ich einfach zu schwach. Andere Leute kriegen ihr Leben doch auch auf die Reihe. Was ist daran so schwer? Was stimmt bei mir nicht, dass es so klemmt?

Eine unermesslich wichtige Erkenntnis war für mich, dass dieses Depressive, dieses Alles ist schwarz – das bin nicht ich. Davor hatte ich mich mit der Depressivität identifiziert. Als wäre es mein Wesen. Aber das macht hilflos und lähmt. Wenn man sich mit seinem depressiven Zustand identifiziert, macht man sich zum Opfer. Es ist äusserst schwierig, aus so einer Identifikation den Impuls für Veränderung zu entwickeln. Man sagt dann: oh, ich bin krank. Ich kann nichts tun, ich bin depressiv. Es kann ja gar nicht anders sein. Und so vergräbt man sich selbst in diesem Zustand und versteckt sich dahinter. Natürlich kommt man da so nicht raus.

Stattdessen habe ich erkannt – und das war sehr heilsam – dass das Depressive nicht ein Teil von mir ist. Es hat mich oft im Griff, ja – aber ich bin es nicht. Vielleicht ist es wie eine Art Dämon, von dem ich besessen bin. Der Dämon bin nicht ich. Aber ich bin in einer Verfassung, die erlaubt, dass der Dämon mich kontrolliert und beeinflusst. Noch. Das bedeutet auch, dass ich den Dämon irgendwann werde abschütteln können. Wenn ich noch stärker geworden bin.

Ich bleibe mal bei der Metapher von dem Dämon, weil es so ein stimmiges Bild ist gerade. Wenn der Dämon besonders stark ist (oder ich besonders schwach, oder beides), dann ist das Dasein unerträglich. Das Leben erscheint dann nicht lebenswert. Es ist pure Agonie. Man will da raus. Egal wie. Deswegen bringen Leute sich um. Sie wollen gar nicht sterben; sie wollen nur nicht mehr in diesem Zustand sein.

Suizid ist natürlich eine beschissene »Problemlösung«, aber in diesem Zustand der schieren Agonie wirkt er wie eine Zuflucht. Mir hat in den übelsten Tiefs immer geholfen zu wissen, dass es diesen finalen Ausweg gibt. Nur dass es ihn gibt. Wenn gar nichts mehr ginge, wirklich keine Option infrage käme, dann gäbe es immer noch das. Das war immer beruhigend. Ich habe es nie versucht. Nicht ernsthaft. Nur das eine mal dachte ich, jetzt geht’s nicht mehr anders.

Klassiker. Pulsadern. Messer war zu stumpf. Ich lag in der Wanne, auch klassisch. Wollte keine Sauerei veranstalten. Hab ein bisschen rumgeschnippelt. Es war überraschend, wie schwer es ging. Bin nicht weit gekommen. Irgendwie hat das ganze Prozedere den Druck, oder den Schmerz, von mir abfallen lassen, und ich hab einfach aufgehört. Spätestens seitdem kann ich verstehen, warum sich manche Leute ritzen. Es ist wie ein Druck-Ablass-Ventil. Es beruhigt. Zurück blieb eine Narbe, die man jetzt kaum noch sieht. Geblutet hat es auch eher wenig. Hatte es mir splatteriger vorgestellt.

Ich bin dann einfach schlafen gegangen, so, als wär nichts gewesen. Schlaf war immer meine Rettung.

Die Tiefs kommen fast immer abends. Wenn ich müde genug bin, gehe ich schlafen. Zu meinem grossen Glück geht das meistens. Andere haben es da schwerer und liegen die ganze Nacht wach und foltern sich selbst mit ihren eigenen Gedanken. Das ist typisch für depressive Zustände. Diese nicht enden wollenden, das Selbst zerfetzenden Gedanken. In diesen Gedanken macht man sich endlose Vorwürfe. Man zweifelt alles an, besonders sich selbst. Man gibt sich selber keine Chance. Man hat Schuld. Man muss sich mehr anstrengen. Man hat wenig Hoffnung, oder gar keine mehr. Je mehr Leerlauf man hat, desto einfacher ist es natürlich, dass diese Gedankenfolter anfängt.

Daher fand ich es immer hilfreich, mich zu beschäftigen. Egal, mit was. Am besten etwas, das mich fordert und mir Spass macht. Manchmal muss man seinen Zustand dazu erst etwas durchbrechen; diese lähmende Lethargie. Das klappt nicht immer. Ich muss damit rechnen, dass ich noch mal in ein Tief falle, in dem ich mir nicht anders zu helfen weiss, als mich abzuschalten. Aber jetzt bin ich etwas besser vorbereitet. Zum einen habe ich einen pharmakologischen Notfallknopf, eine Pille, die mich schlafen lässt und akute Angst/Horrorzustände mildert. Allemal besser, als ausgeblutet in der Wanne. Und ich habe eine spezielle Notfall-Telefonnummer. Keine Ahnung, ob ich mich überwinden könnte, sie zu wählen. Aber ich habe sie.

Man kann so eine Depression als etwas Böses sehen; etwas, das einen zerstören will. Ich versuche ihr stattdessen etwas Gutes abzugewinnen. Als Auslöser für Veränderung. Es gibt dazu eine wunderbare Stelle aus einem meiner Lieblingsfilme, Jacob’s Ladder. Der Protagonist durchlebt nämlich eine Art Dauer-Alptraum, und liegt da bei seinem Masseur auf der Liege. Der sagt: »Die Dämonen sind in Wirklichkeit Engel, die versuchen, dich freizulassen!« – Und das stammt wohl von Meister Eckart, einem Mystiker des 15. Jahrhunderts (den gabs wirklich).

So versuche ich das jetzt zu sehen. Spirituell umgedeutet quasi: Der Dämon Depression will mir helfen, frei zu werden. Dadurch habe ich eine Menge gelernt und bin sehr viel reifer und (innerlich) reicher geworden. Keine Ahnung, ob das auch ohne Depression passiert wäre, und wo und wie ich dann jetzt wäre.

Ich weiss auch nicht, was ich tun muss, um ganz frei zu sein. Ich finde das noch heraus. Das ist ziemlich spannend. Vielleicht war und ist es der Weg, auf dem ich zur (inneren) Erkenntnis komme, was meine Aufgabe hier ist.

Ist für einige vielleicht zu spirituell; für mich leuchtet es ein (excuse the pun).

Die Reise geht weiter.

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Author: schoschie

I like to see the wiring under the board™

6 thoughts on “Not Just Sad?”

  1. Hallo schoschie,

    versuche mal die Psychiatriesprache zu vermeiden, d.h. in diesem Falle “Depression” und versuche Worte für deine Emotionalen Zustände zu finden die diese besser und verständlicher beschreiben und auszudrücken vermögen, als dieses Psychiatrie Neusprech ohne wissenschaftliche Grundlage!!

    Es gibt überhaupt keinen validen Nachweis für solche angeblichen Krankheiten, außer eben das Verhalten und geschilderte Erleben von Betroffenen, das dann einfach in solchen Bezeichnungen zusammengefasst wird, damit man auch therapieren kann. Selbst der Direktor des NIMH in den US of A hat das in seinem Blog zugegeben!

    Der Dämon bist nicht Du! Der Dämon ist unsere verkommene Gesellschaft, das was man Zivilisation nennt und die “wirklich” kranken, das sind die Normalen, die schon so dermassen abgestumpft und “gleichgültig” sind, dass ihnen das alles nichts mehr ausmacht.

    Du kennst den Film “The Matrix”?
    Schau die Szene als Neo mit Morpheus das erste mal im Konstrukt ist und im zu erklären versucht was die Realität ist, Neo das alles nicht glauben will und die Anderen dann sagen “jetzt dreht er durch!” – das ist nicht einfach nur eine Geschichte, das ist Psychologie. Ich unterscheide Psychologie, Psychiatrie und Neurologie.

    Die Normalen Sind die kranken!!!

    “Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.” — Krishnamurti

    LG
    Und. Lass es Dir gut gehen!

    LLAP =Λ=

    1. Add:
      Ich kann nur jedem empfehlen sich mit Psychologie zu befassen, also mit dem eigenen Selbst und wie das funktioniert. Dazu muss man nicht studieren und Experte sein – schon gar nicht mehr heute, wo man doch so viele gute Informationen findet.
      Das was man da in “the Matrix” sehen kann ist ein Tolles Beispiel für kognitive Dissonanzen. Das kennt jeder der sich nur ein wenig selbst beobachtet und selbst reflektiert. Als gutes Hilfsmittel ist eine Art 3rd-Person View, im Zusammenspiel mit Anderen, d.h. man kann sich selbst immer auch selbst beobachten, aus einer 3rd-Person Perspektive heraus. Das ist nicht einfach, denn es erzeugt auch nicht selten Angst und es braucht Übung. Am besten, denke ich, funktioniert das in einem Gespräch mit einem geliebten Menschen, evtl. die Mutter oder der Vater, denen man nicht gleich Blödsinn unterstellen will. Dann kann man sehr schön an sich selbst beobachten, wie das Gemüt reagiert, also welche Emotionen aufkommen, wenn diese geliebte Person etwas erzählt, was so gamnz und gar nicht in das eigene Weltbild passt und das man auch nicht unmittelbar in das eigene Weltbild rationalisieren / einbinden kann.

      Greetz

    2. Ich kannte diese Denkweise und hab sie nie ernst genommen, aber mir leuchtet jetzt ein, was daran wahr ist. Das macht mir eine Menge Dinge klar gerade. Danke dafür!

      1. Gern geschehen!

        Wenn mein Geschreibsel, mein Tun nur einem einzigen Menschen, Dir, hilft, dann freut mich das sehr und ich fühle mich nicht ganz so einsam und alleine hier, auf diesem eigentlich wundervollen blauen Planeten.
        Danke dafür (zurück)!

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